seniorweb.ch,18. Februar 2023

 

Adieu Lebertran und Sexheftli

 

 

Juhu, Lebertran ist verschwunden, oje, die 20-Rappen-Parkuhren ebenfalls. Wir haben uns im Museum des vergessenen Alltags umgesehen. Aber Achtung: Bei diesem Seniorweb-Beitrag ist nicht alles jugendfrei. Zum Schluss ergänzen wir den Patent-Ochsner-Kübel mit einem Patent-Ochsner-Video.

 

Lebertran, so hiess der Kindergraus. In unserer Familie gab es das Schreckmümpfeli aus Fischleber in drei Härtegraden. In Reinform löffelte der Vater vom November bis zum Frühling die gallertartige Abscheulichkeit zum Frühstück. Hä ja, rechte Männer widerstehen allen Widrigkeiten. Der Bub, ich, sollte Kapseln schlucken. Nach konfliktreichen Quengeleien wurden sie vom Tisch verbannt. Stattdessen bekam ich den Tran versteckt in einem zältliartigen Verbund mit irgendwelchen Zutaten und Orangengeschmack. So überstand ich meine Kindheit unbeschadet.

 

 

20-Rappen-Parkuhren. Jetzt versetzen wir uns in die gute alte Zeit. Wenigstens in dieser Beziehung war sie wirklich gut. Nämlich: Parkieren kostete 20 Rappen die Stunde. Überdies konnte man den Rappenschlucker am Strassenrand überlisten. Vor der Einführung des Euros bezahlte man in Österreich Kleinstbeträge mit Groschen. Anstelle des Zwanzigräpplers akzeptierten manche Schweizer Parkometer auch Zehngroschenstücke. Diese waren anderthalb Rappen wert. Ein Bomben-Buben-Trickli. Unser Bild ist ein Nachfolgemodell. Parken ist bereits teurer. Die alten Münzenvertilger kann man heute auch kaufen, zum Beispiel auf Ebay zwischen 60 und 180 Franken.

 

 

TV-Testbild. Da lief doch noch was, früher beim Fernsehen. Das Testbild nämlich. Als in den Fünfzigerjahren die TV-Sender ihren Betrieb aufnahmen, waren die Prüfbilder noch schwarzweiss, in den Sechzigern kam Farbe dazu. Bis Ende der Achtziger zeigten die Stationen nach Sendeschluss bis am späten Vormittag diese grafischen Darstellungen. Wer diesen Fernseh-Höhepunkten nachtrauert, kann T-Shirts mit einem TV-Testbild odern.

 

 

Netscape. Was in der Steinzeit die Erfindung des Rades war, das vermittelte Netscape zu Beginn des Internets: ungeahnte neue Möglichkeiten. Der ab 1994 verfügbare Browser wurde wenig später von Explorer überholt. Heute sind beide verschwunden oder schlummern in Nachfolge-Standards. Entwickelt wurden die Netz-Anwendungen im Silicon-Valley. Heute erinnern die Frühzeit-Browser optisch ans Neander-Valley.

 

 

Unten als Hör-Nostalgie die Einwahltöne, wenn man das Internet mit dem Telefon verband. Nicht dabei: Der Jubel, wenn die Verbindung endlich zustandekam.

 


Röntgen im Schuhladen.
«Sehen ist besser als fühlen.» Mit diesem Text aus den Fünfzigerjahren warben nicht Brillengeschäfte, sondern die Hersteller der Röntgenapparat für Schuhläden. Solche Dinger standen bis 1960 in den Verkaufsgeschäften. Kinder und Erwachsene steckten ihre Füsse mit den neuen Schuhen unten in den Apparat. Oben konnte man per Röntgenbild sehen, ob die Neuerwerbung passte. Die Apparate sind verschwunden. Röntgenstrahlen ohne Not derart hoch zu dosieren ist gefährlich. Und ob sehen wirklich besser ist als fühlen, ist auch nicht klar.

 

 

 

 

Verkehrspolizist. So sahen wir Männer in den Siebzigerjahren doch aus: Backenbart, Schnauz. Und so sah auch die Verkehrsregelung damals aus. Polizisten in runden Häuschen dirigierten mit Trillerpfeifen die Autos, den R4, den  Opel Rekord, den Morris Minor. Wenn dann so eine toupierte Gumsle mit einem Cabrio kam und meinte, noch rasch durchfahren zu können, dann, ja dann nahm der Tschugger sein Heftlein aus der Tasche und schrieb sie auf. Frauen können ja nicht autofahren. Die Busse (15 Franken) wird sie das lehren. 

 

 

 

 

Sexheftli. Klar gibt es sie noch, die Sexheftli. Aber das Internet hat die Printmagazine zum grossen Teil verdrängt. Ich will auch diesen heiklen Bereich mit Selbsterfahrenem bereichern. Im Zug nach Olten fand ich vor vielen Jahren ein solches Erzeugnis. Ich kann nicht leugnen, dass mich die Abbildungen von xxxxxxxxxx, xxxxxxxx und xxxxxxxxxxxxxxxx durchaus interessierten. (Schwärzungen durch Seniorweb-Jugendschutz). Bekanntestes Produkt war der Schweizer Sexanzeiger (SAZ). Am Kiosk erlaubte das Kürzel diskret nach dem Heftli zu fragen. Tönte ja beinahe wie FAZ, Frankfurter Allgemeine. Und: Wer beim Kauf durch Bekannte überrascht wurde, konnte sich mit SÄZ auf die Schweizerische Ärztezeitung herausreden.

 

 

 

 

Abfallchübel. Früher hat ein Chübel-Graben die Deutschschweiz getrennt. Ungefähr der Reuss entlang verlief er. Östlich davon, vor allem im Grossraum Zürich, verstaute man den Abfall im Chat-Chübel (vgl. Chuchichäschtli). Westlich dieser Linie versorgte man den Ghüder eben im Ghüder-Chübu. Unterdessen ist die Grenze verschwunden.

 

 


Der Metallkübel wurde unter dem Label Patent Ochsner verkauft. Inzwischen serbeln  die Gefässe im Brockenhaus. Sehr lebendig ist hingegen die gleichnamige Band. Patent Ochsner spielt am 11. April am Unplugged-Festival in Zermatt. Das Konzert ist ausverkauft. Als Ersatz empfehle ich hier das offizielle Video zur Single «Für immer uf di». Sehr schön, sehr melancholisch, passend zum Museum des Verschwundenen. Büne Huber singt: «Uf Mueter Seu, wo hüt / furt isch vo dere Ärde».

 


 

 Nachweise: Peter Steiger, Freepik, ETH-Bildarchiv. Audio: Youtube. Video:  Vevo