Berner Zeitung, 4.4.2016


Weiteres Beruferaten


Früher, viel früher, gabs ein Fernsehquiz, das hiess «Heiteres Beruferaten». Da musste ein Berufsvertreter eine für seinen Beruf typische Bewegung machen. Und der Kandidat sollte dessen Job erraten. Ehrlich, so was gabs mal.


An diese Sendung dachte ich, als ich kürzlich im Hotel Bern war, im einstigen Volkshaus. Dort tagte in einem Konferenzraum eine Gruppe Männer und Frauen. Vorerst kamen sie allerdings nicht zum Arbeiten, weil sie sich einigen mussten, wie die Stühle und Tische anzuordnen sind. Dabei konnte man erkennen, wer was war.


Zuerst setzte sich die grösste Gilde durch. Sie drängte darauf, dass alle ihre Tische nach eigenem Gutdünken platzieren konnten. Wenn sich jeder selbst verwirkliche, sei das Treffen am erfolgreichsten. Ich kapierte, aha, die Lehrer. Hier angefügt: Herzliche Grüsse an die Lehrerinnen. Sie sind stets mitgemeint.


Weit weniger Teilnehmer verlangten, dass der Tagungspräsident auf einem leicht erhöhten Podest zu sitzen habe. Es waren die Juristen, die sich nur in einem Gerichtssaal mit richterlicher Überhöhung wohlfühlten.


Bloss drei oder vier forderten, dass man die Tische übereinanderstaple. Boden sei ein rares Gut und kostbar. Deshalb müsse man verdichtet tagen. Weil alle noch ihre Velohelme aufgesetzt hatten, wusste ich, dass es Stadtplaner waren.


Ausschliesslich Frauen waren es, die wünschten, dass man die Tische an den Rand stellen und im Kreis auf dem Boden sitzen solle. «Wenn wir uns die Hand geben, fliessen die Energien besser», argumentierte eine. Sie und ihre Kolleginnen konnte ich anhand der helllila Pluderhosen und dunkellila Turbane mühelos als spiritistisch Beschäftigte identifizieren, als Vitalenergetikerinnen oder Klangschalentherapeutinnen etwa.


Vorerst nicht entschlüsseln konnte ich die Herkunft der Teilnehmer, die für sich eine lebenslange Sitzgarantie forderten. Dann, als sie über Gebühren sprachen, die jene zu entrichten hätten, welche die bevorzugten Tische am Fenster beanspruchten, dämmerte es mir. Es waren Beamte, pardon, Mitarbeitende des öffentlichen Dienstes.


Weil mir die Zeit fehlte, gelang es mir nicht, festzustellen, welche Fraktion schliesslich siegte. Beim Hinausgehen sah ich auf der Infotafel, wer hier tagen wollte: Die Wohngenossenschaft Kaltbächli traf sich, um das Traktandum «In Harmonie gemeinsam leben» zu diskutieren.