seniorweb.ch, 25. Juni 2026
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Firmen für Angehörigenpflege sind Goldgruben
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Der Bundesrat kritisiert die hohen Renditen der gewinnorientierten neuen Firmen für pflegende Angehörige. Mariannne Pfister, Geschäftsleiterin von Spitex Schweiz, teilt diese Meinung. Seniorweb bat die angesprochenen Pflege-Unternehmen um ihre Meinung. Die meisten verweigerten Stellungnahmen.

Seniorweb: Fachleute werfen den neuen Organisationen vor, dass sie überrissene Renditen erwirtschaften, sie erzielen bis zu 25 Umsatzprozente.

Marianne Pfister: Auch Spitex-Schweiz kritisiert, dass es einzelne Unternehmen gibt, die mit dem Geschäftsmodell der Anstellung pflegender Angehöriger zu hohe Gewinne erzielen. Sie können das unter anderem, weil Vorschriften und Kontrollen fehlen.


 

Haben die herkömmlichen Spitex-Organisationen geschlafen, indem sie dieses Geschäft privaten Unternehmen überlassen haben?

 

 

Nein, keinesfalls. Spitex-Organisationen beschäftigen schon lange auch pflegende Angehörige. Seit 2019 hält das Bundesgericht jedoch ausdrücklich fest, dass Angehörige bei der Spitex auch ohne Grundausbildung angestellt werden können. Weil sie darin ein neues Business-Modell entdeckt haben, schiessen seit diesem Entscheid solche neue Firmen wie Pilze aus dem Boden.

 

Wieso haben die traditionellen Spitex-Organisationen diese Lücke nicht auch entdeckt?

 

Unsere Spitex-Organisationen stellen nach wie vor pflegende Angehörige an. Sie übernehmen Pflegeleistungen jedoch nur dann, wenn sie wirklich Sinn machen und effektiv dem Bedarf der zu pflegenden Person entsprechen.

Zudem hat Spitex Schweiz mit den Krankenversicherern Grundsätze vereinbart, die Qualität, Ausbildung sowie Begleitung der pflegenden Angehörigen festlegen. Weil unsere Spitex-Organisationen sich an diese Bestimmungen halten, sind keine unverhältnismässigen Gewinne durch die Anstellung von pflegenden Angehörigen möglich.

 

Die neuen Organisationen erklären ihre Geschäftszahlen mit ihren Leistungen und ihrem Aufwand: Administration, Ausbildung , Ferien, Versicherungen, weitere Sozialabgaben.

 

Nicht alle Organisationen liefern überprüfbare und überzeugende Daten-Grundlagen für die genannten Leistungen. Es braucht zwingend valide Daten, denn nur so können die Leistungen kostendeckend nach den KVG-Vorgaben finanziert werden. Darum fordert Spitex Schweiz rasch verbindliche Vorgaben punkto Qualität und Finanzierung.

 

Ist bei der konventionellen Spitex denn alles mustergültig transparent?

 

Spitex-Organisationen mit einem Leistungsauftrag sind verpflichtet, alle Leistungen nach klar definierten Vorgaben (gemäss verbindlichem Finanzmanual)  transparent gegenüber den Behörden offen zu legen.

Viele klagen, dass im Gesundheitswesen alles und jedes reglementiert sei. Jetzt fordern Sie für die neuen Firmen noch mehr Vorschriften.

 

 

 

Wir verlangen nicht Vorschriften um der Vorschriften willen. Wenn im Gesundheitswesen jedoch ein System es zulässt, dass unangemessene Gewinne möglich sind, dann braucht es klar Regeln. Dies nicht zuletzt auch zum Schutze der Patientinnen und Patienten sowie der Prämienzahlenden.

 

Heisst das, dass die Neuen bis jetzt zu wenig kontrolliert wurden?

 

Ja. Es geht uns wie gesagt nicht darum, noch mehr vorzuschreiben. Wir wollen die Gesundheit schützen und verhindern, dass die Kosten noch mehr steigern. Dafür braucht es klare Regeln und entsprechende Kontrollen. Zudem hat das Ganze auch eine gesellschaftspolitische Komponente .

 

Sie befürchten, dass die bezahlte Pflege durch Angehörige den Familiensinn oder die gesellschaftliche Solidarität beeinträchtigen?


 

 

Ja, es ist ein gesellschaftspolitisches Thema. Wir müssen uns fragen: Welche Aufgaben soll die Familie auch ohne finanzielle Unterstützung leisten? Nehmen wir an, Ihre Partnerin, Ihr Partner, ist noch relativ selbständig. Er oder sie braucht aber Hilfe im Alltag, zum Beispiel beim Duschen einmal wöchentlich. Soll die Krankenkasse Sie als Angehöriger für die Hilfe beim Duschen bezahlen? Wobei ich mit “Angehörigen“ nicht bloss die klassische Familie meine, sondern beispielsweise auch die Patchwork-Familie und das soziale Umfeld einer Person.

 

Wie beurteilen Sie die Ausbildung der pflegenden Angehörigen?


 

Wie erwähnt ist eine Ausbildung seit dem Bundesgerichtsurteil 2019 gar nicht mehr Bedingung. Das ist unter anderem einer der Gründe, weshalb die Zahlen seither in die Höhe schiessen. Spitex Schweiz hat mit den Krankenversichernern vereinbart, dass die pflegenden Angehörigen eine Ausbildung absolvieren müssen.

 

 

Bei den Neuen können die Angehörigen eine Ausbildung absolvieren, sie müssen aber nicht. Bei den herkömmlichen Spitex-Organisationen, zusammengeschlossen durch Spitex Schweiz, ist die Ausbildung vorgeschrieben.

 

Es bestehen zwei Ausbildungen. Es gibt erstens den Kurs in Pflegehilfe, der von verschiedenen Anbietern organisiert und von der Dachorganisation Odasanté zertifizert wird. Dieser Kurs berechtigt auch zur Arbeit als Pflegehelferin beispielsweise in einem Altersheim. Zweitens besteht eine gleichwertige Ausbildung, welche auf die individuelle Patientensituation fokussiert und nur für die Arbeit in dem betreffenden Haushalt befähigt.

 

Wenn der Sohn die Mutter oder die Tochter den Vater pflegt, schaut man nicht mehr so genau auf die Uhr. Oder deutlicher: Ist mit überhöhten Stundenangaben Missbrauch möglich?

 

Jein. Immer wenn eine pflegende angehörige Person angestellt wird, muss eine Pflegefachfrau oder ein Pflegefachmann der Spitex-Organisation vor Ort den Bedarf abklären. Hier gibt es – wie bei vielen Systemen – einen Graubereich, der ausgenutzt werden kann: Weil ja die Angehörigen und auch die Pflegeorganisationen davon profitieren, könnten beide dazu tendieren, mehr Aufwand aufzuschreiben.

 

 

Heisst dies, dass bei der Angehörigenpflege der Aufwand gerne nach oben gedrückt wird?

 

Wenn ein Unternehmen mit dem Modell viel Geld machen will, ist die Versuchung sicher da.

 

Als ich mich für einen Selbstversuch bei einer dieser Firmen anmeldete, wurde ich damit umworben, dass man den Aufwand zu meinen Gunsten anheben könne.

 

Einige Firmen werben tatsächlich aggressiv. Sie melden sich zum Beispiel direkt bei Familien mit pflegebedürftigen Personen und heben hervor, dass man mit der Pflege Geld verdienen kann.

 

Marianne Pfister ist Co-Geschäftsführerin von Spitex Schweiz, des nationalen Dachverbands von Spitex-Kantonalverbänden und weiteren Organisationen für professionelle Pflege und Unterstützung zu Hause.

 



Die Stellungnahmen

 

Der Autor hat drei Firmen um Stellungnahmen zu den Renditen und zur Werbung gebeten. Zwei davon, Pflegewegweiser und Pflegehero, wollten sich nicht äussern.

Die Firma Carela teilt mit: «Wir wissen, dass es einzelne Firmen gibt, die mit ihrem Vorgehen auffallen und somit aktuell die ganze Branche einen negativen Ruf trägt.» Zum Thema Werbung antwortet die Firma:: «Unsere Werbung limitiert sich auf Videos und Inserate in den sozialen Medien (Instagram und Facebook), in Schweizer Zeitungen und Magazinen (Online und Print) und auf Google. Plakate, Werbespots im Fernsehen und andere grössere Formate können wir uns nicht leisten.»

Das Unternehmen Pflegewegweiser antwortet über seinen Kommunikationsberater, dass die Firma auf eine Stellungnahme verzichtet. Und: «Das Unternehmen bietet ein Hintergrundgespräch an, um seine Sicht darzulegen.»

Pflegehero verzichtet auf eine Stellungnahme.

 



Die Zahlen

 

Die Firmen bekommen von den Krankenkassen und von der öffentlichen Hand rund 80 Franken pro Pflegestunde. Die pflegenden Angehörigen erhalten weniger als die Hälfte.

 

Wer verdient wie viel? Wer seine Angehörige pflegt, bekommt einen Stundenlohn zwischen 34 und 38 Franken. Die anstellende Organisation erhält von der Krankenkasse, von der Gemeinde und dem Kanton rund 80 Franken pro Pflegestunde. Die Organisation übernimmt Sozialleistungen und deckt ihren administrativen Aufwand, organisiert Weiterbildungen und betreut die Angehörigen. Der Rest bleibt als Gewinn bei den Firmen. Fachleute schätzen die Rendite auf bis zu 25 Prozent und beurteilen dies als überhöht.

 

Wer darf was?
 Die Angehörigen dürfen keine Pflegemassnahmen übernehmen, die Fachpersonen vorbehalten sind. Möglich sind hingegen unter anderem Hilfe beim Essen und Trinken, bei der Körperpflege und bei der Hygiene, bei der Lagerung und bei der Mobilisierung oder beim An- und Ausziehen. Hausarbeiten wie Putzen, Einkaufen, Kochen, aber auch Administratives wie Einzahlungen oder Abrechnungen werden nicht angerechnet. Letzteres sind Betreuungsleistungen, die nicht über die Krankenkassen abgerechnet werden dürfen.

 



Die Meinung 

 

 

Mit den Männern und Frauen, welche ihre Angehörigen pflegen, ist es wie mit den Tschutterinnen, den Schwingern und den Punks. Es begann gut und schön. Dann riechts plötzlich nach Geld. Nun wollen die Fussballerinnen einen Ferrari. Die Schwinger möchten Money statt Muni. Und die Lifestyle-Punk-Vermarkter merken, dass sie mit kaputten Netzstrümpfen und mit maschinell abgewetzten Lederjacken ihre Kassen füllen können.

 

Der Vergleich ist schon ein bisschen heikel. Aber er stimmt. Wenn die Tochter die Eltern pflegt und Teilzeit arbeitet, soll sie entschädigt werden. Doch als Geldgeber entdeckten, dass sie mit der Angehörigenpflege gut verdienen können, wurde es problematisch. Investoren stiegen ein und gründeten Pflegefirmen. Im Interview erwähne ich einen Selbstversuch. Der Berater der Firma wollte mich und meine längst verstorbene Mutter besuchen, schwärmte von den Verdienstmöglichkeiten und gab zu verstehen, dass man mit den Zeitvorgaben kreativ umgehen könne.

 

Nochmals: Wenn Angehörige beim Job zurückstecken und dafür Entschädigungen bekommen, ist das wohlverdientes Geld. Wenn der Vater oder die Mutter nicht oder später ins teuer subventionierte Pflegeheim müssen, hat auch die Gesellschaft was davon. Doch wenn Firmen damit hohe Gewinne machen, reagieren wir ärgerlich. Ebenfalls die Nase rümpfen wir, wenn sich Angehörige Selbstverständliches vergüten lassen, Fingernägel schneiden oder Hilfe beim Duschen etwa.

 

Regeln, Kontrollen, Abklärungen kennt das Schweizer Gesundheitswesen überreichlich. Hier wäre sowas für einmal hilfreich. Peter Steiger 

 


Link

Seniorweb berichtetete über das Thema bereits im Dezember 2024

 

Die Angebote der hier behandelten Organisationen sind per Suchmaschinen zu erreichen. Teilweise ermöglichen auch herkömmliche Spitex entlöhnte Pflege durch Angehörige. Eine Zusammenstellung all dieser Möglichkeiten ist nicht vorhanden.

 

Kommentare erwünscht. Welche Erfahrungen, gute oder schlechte, haben unsere Leserinnen und Leser mit den Organisationen für pflegende Angehörige gemacht? 

 

Bilder: Spitex Schweiz, zvg,