Vor drei Jahren schrieb ich hier auf Seniorweb, dass ich bald die Schwelle zum Hochalter überschreiten werde. Nun ist diese Tür aufgegangen. Dafür hat sich eine andere hinter mir geschlossen. Seit ungefähr drei Wochen bin ich 80 Jahre alt.
Nun hört ihr AHV-Küken, ihr frisch geschlüpften Senioren. Vernehmt, was euch die wirklich Alten mit auf den Weg geben.
🔴 Die rote Ampel: Oje, der Weg wird steinig, sogar unpassierbar. 🟢 Die grüne Ampel: Alles nicht so schlimm. Hilfe naht. 🟡 Die orange Ampel: Mal so, mal so.
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Strassen sind steiler, Buchstaben kleiner. Alt sein, wirklich alt, bedeutet, dass alle Treppen mehr Stufen haben. Dass bei den
Lichtsignalen die Fussgängerampeln weniger lange grün leuchten. Dass die Strassen steiler und glitschiger sind. Dass die Trottoirränder höher,
dass.die Buchstaben kleiner, die Bahnhofdurchsagen leiser sind.
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Hilfe beim Abfallsack und beim Ticketautomaten. Dafür trägt mir nun die Nachbarin den Abfallsack nach draussen. Der Bus-Passagier
überlässt mir seinen Sitz. Die Mutter mit zwei kleinen Kindern hilft mir beim Ticket-Automaten. Die Coiffeuse, bei bei der ich einen Termin
versemmelt habe, macht mir keine Vorwürfe, sondern fragt mich besorgt, ob mir was zugestossen sei.
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Adiö Libitum und Libido. Ich kann nicht lateinisch. Oder nur so viel, dass ich zwischen Libitum und Libido unterscheiden kann.
Libitum heisst nach Belieben, ohne Ende. Libido bedeutet was ähnliches. Oder in unserem Fall genau das Gegenteil. Libido heisst für uns alles
andere als als nach Belieben und schon gar nicht ohne Ende.
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Enkel hilft beim Herumkriechen. Ich sehe in der Wohnung einen Einfränkler am Boden. Ach was, sage ich mir, was soll ich am Boden
herumkriechen. Ich verschmähe die Münze trotz der gefährlich fitten Enkel und der sparsamen Ehefrau. Wie war das doch früher anders. Wir hofierten
einem Fünfräppler (als Kind), einem Franken (als Erwachsener) und übersahen als Pubertierender den Fünfliber.
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Geschmacksachen. Jetzt müssen wir ganz stark sein, wir 80-jährigen+. Alte Leute, ich sags mal so, riechen anders. Das hat mit dem
Schwitzen, dem Stoffwechsel und mit was weiss ich allem zu tun. Und, nochmals festhalten: mit der Hygiene. «Beim Duschen wird man nass.» – «Die
Unterhosen sehen doch noch ganz passabel aus.» -«Bereits getragene Socken verursachen weniger Blasen.» Adiö Maiglöckchen, tschüss Veilchen.
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Rabatte blühen. Bei den Altersrabatten können wir da und dort Spezielles ernten. Die Alpspitzbahn im Allgäu gewährt über
80-jährigen 20 Prozent bei der Sommerrodelbahn. Gärtnermeister Biesenbach in Dortmund berücksichtigte bis vor kurzem einen Altersbonus: 1 Prozent
für jeder Jahr über 65. Herr Biesenbach hätte also bei den 165-Jährigen die Hecke gratis schneiden müssen. Das Geschäftsmodell scheint sich nicht
bewährt zu haben. Jetzt gibt es in Dortmund nur noch einen nicht quantifizierten Altersrabatt. Und im Kölner Bordell Pascha erhielten Senioren
früher 50 Prozent Rabatt. Was trieben Senioren im Bordell: Sie sparten. Die Ermässigung galt allerdings nur während der verkehrsarmen Zeiten vor
17.00 Uhr.
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Tschüss Hypothek und PS-Bolide. Gut oder schlecht? Wir bekommen keine Hypotheken mehr – ausser wenn wenn wir eh schon genügend
Geld haben. Verleihfirmen vermieten uns keine Autos mehr, und wenn, dann nur zu schlechteren Bedingungen. Ebenfalls dürfen wir keine Fahrzeuge mehr
leasen, auch kein mickrig motorisiertes Autöli. Anderes erlebt der 21-jährige, der mit seinem 500-PS-Boliden protzt und bei der nächsten Kurve den
unschuldigen Waldrand malträtiert.
Der Autor hat diesen Artikel geschrieben, als wäre er der einzige, der seinen achtzigsten Geburtstag hinter sich hat.
Haben andere Seniorweb-Nutzerinnen und -Nutzer andere Erfahrungen gemacht? Wir freuen uns über Kommentare.
Gehört zum Thema und zur aktuellen Hitze. In diesen Tagen verschickt die Stadt Bern einen Brief an alle über 75-Jährigen Einwohner. Aufmerksam und
fürsorglich.
Peter Steiger
