Experte Daniel Borner informiert im Interview über die Schweizer Heilbäder und Kurhäuser und vergleicht sie mit den Einrichtungen in Deutschland. Seniorweb schmunzelt im weiteren über das Geschehen inner- und ausserhalb der Badewannen. Am Schluss freuen wir uns über die historischen Bauwerke.
Seniorweb: Daniel Borner, Sie sind Präsident des Verbands Schweizer Heilbäder und Kurhäuser. Geben Sie uns bitte einen
Überblick.
Daniel Borner: Kur und Rehabilitation werden oft in einem Atemzug genannt – und tatsächlich verfolgen beide das gleiche
übergeordnete Ziel: die Genesung zu fördern und den Weg zurück in den Alltag zu erleichtern, sei es nach einer Operation, einem Unfall oder einer
schweren Krankheit.
Wie trennen Sie Kur und Reha?
Sie unterscheiden sich grundlegend – nicht nur in ihrem medizinischen Ansatz, sondern auch in der Frage, wann sie eingesetzt werden und wie die Kosten geregelt sind. Die Rehabilitation schliesst meist unmittelbar an den Spitalaufenthalt an. Sie ist ärztlich verordnet und bezweckt, verlorene Funktionen durch gezielte Therapien wiederherzustellen.
Und die Kur?
Bei der Kur steht die Erholung im Vordergrund. Sie gilt primär als vorbeugende Massnahme, die Körper
und Geist stärkt, ohne zwingend notwendig zu sein.
Warum sind Kuren in der Schweiz bis zu viermal teurer als in Deutschland?
Es liegen uns keine konkreten Vergleichszahlen vor. Der allgemeine Preisunterschied zwischen Deutschland und Schweiz ist bekannt. Kostenunterschiede bestehen bestimmt bei den Lohn- und Infrastrukturkosten. Bei den Kuren muss unterschieden werden zwischen den Beherbergungskosten und den medizinischen Leistungen. Die medizinischen Leistungen sind tarifiert, während die Beherbergungskosten auf unternehmerischer Ebene in jedem Kurhaus spezifisch nach dem Angebot festgelegt werden.
Sind die Kosten für Kurhäuser so hoch, weil das Schweizer Gesundheitswesen teilweise ein Selbstbedienungsladen ist?
Diese Einschätzung teilen wir nicht und ist sehr verallgemeinernd. Das Schweizer Gesundheitswesen ist stark reguliert, insbesondere bei tarifierten medizinischen Leistungen. Kosten entstehen vor allem durch strukturelle Faktoren wie Löhne und Qualitätsanforderungen.
Haben die Kurhäuser in der Schweiz anders als in Deutschland zu wenig Konkurrenz?
Es besteht Wettbewerb zwischen verschiedenen Kurhäusern, insbesondere über Spezialisierungen und Qualitätsprofile. Der Markt ist jedoch kleiner als in Deutschland, was strukturell zu weniger Anbietern führt.
Haben die Kurhäuser in der Schweiz einen unnütz hohen Qualitätsstandard?
Nein, vielmehr ist es so, dass Gäste und Kunden einen zunehmenden Qualitätsanspruch haben. Der hohe Qualitätsstandard dient der medizinischen Sicherheit und dem Therapieerfolg. Er ist ein zentraler Kostenfaktor, aber auch ein wesentlicher Nutzen für die Patientinnen und Patienten.
Die Grundversicherung übernimmt in der Schweiz oft nur die medizinischen Kosten. Die häufig hohen Beträge für die Hotellerie müssen die Patienten meist selbst tragen. Verhindert das, dass Wenigbemittelte nötige Kuren buchen können?
Es ist korrekt, dass Hotelleriekosten je nach Versicherung selbst getragen werden müssen. Für Personen mit begrenzten finanziellen Mitteln bestehen jedoch Unterstützungsmechanismen. Auch hier verfügen wir über kein konkretes Zahlenmaterial.
Die Krankenkassen winken oft ab, wenn Schweizer Patienten nach Deutschland zur günstigeren Kur wollen.
Entscheidungen zu Kostenübernahmen liegen bei den Krankenkassen und hängen von gesetzlichen sowie medizinischen Kriterien ab.
In Deutschland werden Kuren auch präventiv verordnet. Die Schweizer Krankenkassen sind viel zurückhaltender.
Auch in der Schweiz können Kuren präventiven Charakter haben, insbesondere im Bereich der psychischen Gesundheit, sofern sie ärztlich indiziert sind.
Welche Vorteile haben Zusatzversicherungen?
Zusatzversicherungen können Beiträge an Hotelleriekosten, erweiterte Therapieangebote oder eine grössere Auswahl an Einrichtungen abdecken.
Welche Vorteile haben Schweizer-Kurhäuser gegenüber Angeboten in Deutschland?
Vorteile liegen insbesondere in der hohen medizinischen Qualität, der engen Anbindung an das Schweizer Gesundheitssystem, klar definierten Qualitäts- und Zertifizierungsstandards sowie spezialisierten Therapieangeboten mit interdisziplinärer Betreuung.
Hohe Wellen inner- und ausserhalb der Badewannen.
In Marienbad verliebte sich Goethe in eine junge Frau. Er war 72, sie 17. Heilbäder besuchte man nicht nur um Entspannung und Linderung zu finden. Allerlei Eskapaden, Amouröses, echte und vermeintliche Adlige, Diplomaten und Neureiche trugen viel zum Erfolg bei. Aus den Heilquellen floss das Wasser auch in den Sündenpfuhl.
Der Begriff
Kurschatten hat sich bis in die Gegenwart gehalten. Man versteht darunter eine romantische Beziehung zwischen den Kurgästen. Wenn
er ihr oder sie ihm wie ein Schatten folgt, können die übrigen Kurgäste fleissig tuscheln. Was geschieht, wenn die beiden wieder zuhause sind?
Helles Licht kann den Kurschatten zum Verschwinden bringen.
♦ Vor und während des Zweiten Weltkriegs waren einige Sanatorien in Davos Ausland-Stützpunkte für das deutsche NS-Regime. Überdurchnittlich viele NSDAP-Mitglieder unter den deutschen Gästen gab es hier unter anderem weil in Davos Willhelm Gustloff als hauptamtlicher Landesgruppenleiter wirkte. International für viel Aufsehen sorgte 1936 die Ermordung dieses Nazi-Kaders durch einen jüdischen Studenten.
♦ Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Baden-Baden bekannt für seine Skandale. Das Casino und die Bäder galten als «Sommerhauptstadt Europas». Weil das Gücksspiel in Frankreich zeitweise verboten war, strömten viele Franzosen nach Baden-Baden. Äusserst beliebt war die Stadt bei russischen Intellektuellen und beim Adel.
♦ In Marienbad in Böhmen trafen sich bis zum ersten Weltkrieg der Adel und die Kulturelite. Affären gehörten zum gesellschaftlichen Leben. Der 72-jährige Goethe verliebte sich hier 1821 in Ulrike von Levetzow. Die Mutter der 17-Jährigen war dagegen. Der Dichter schrieb daraufhin seine «Marienbader Elegien». Wahrscheinlich haben diese weit weniger Gesprächsstoff geliefert, als das poblematische Liebesverhältnis.
♦ In der Bäderstadt Baden im Aargau trafen sich im 19. Jahrhundert die Reichen, Vornehmen und hochrangige Diplomaten. Die eidgenössischen Tagsatzungen fanden hier häufig statt. Es entstanden das Casino und Luxushotels. Die «Spanisch-Brötli-Bahn» verkehrte ab 1847 nach Zürich auf der ersten Schweizer Bahnstrecke.
♦ In den Neunzigerjahren überschuldete sich die Gemeinde Leukerbad um Luxushotels und Thermen zu finanzieren. Der Walliser Ort ging Bankrott. Leukerbad musste sich damit abfinden, als erste Schweizer Gemeinde Pleite zu erleiden .

♦ Das Zürcher Hürlimannbad geriet 2015 in die Schlagzeilen. Der Tages Anzeiger berichtete, dass Gäste im Wasser intim würden.
Besucher empörten sich nicht nur über diese Eskapaden, sondern auch über das Personal, das bei solchen Vorkommnissen nicht oder zu spät einschritt.
Seit 2015 sind keine Beanstandungen mehr eingegangen.
Schweizer Laubsägeli-Architektur für gutbetuchte Badegäste
Der Arzt Paracelsus empfahl Bad Pfäfers. Der mondäne Gesundheitstourismus im 19. Jahrhundert erforderte repräsentative Räume, prachtvolle Säle, Spielsalons und Restaurants. Dem Badebetrieb dienten Trinkhallen, Badehäuser und gedeckte Galerien für geschützte Spaziergänge.
Die folgenden vier Einrichtungen sind unterdessen verschwunden:
Das Bad Fideris im Prättigau galt bis Ende des 19.
Jahrhunderts als wichtiges Schweizer Bad. Das natrium-und eisenhaltige Wasser nutzten die Betreiber und Gäste bis 1939. Heute sind auf dem
ehemaligen Badgelände keine Spuren der früheren Einrichtungen zu sehen.
Die
Geschichte des Bad Pfäfers begann bereits im 13. Jahrhundert, als Jäger in der Taminaschlucht die Heilquelle entdeckten. Später
nutzten Benediktinermönche das Wasser. Im 16. Jahhundert empfahl der berühmte Arzt Paracelsus die Quelle. Das Bad wurde 1969 ein
Museum.
Das Gurnigelbad am Eingang des Berner Oberlands war bis
in die Mitte des letzten Jahhunderts eines der renommiertesten Kurhotel der Schweiz. Die Quellen lieferten schwefel- und eisenhaltiges Wasser. Die
Wandelhallen erlaubten Promenaden auch bei schlechtem Wetter. Den letzten Hotelbau sprengte das Militär 1946.
Diese Bilder zeigen die Ursprünge jener Bäder, die als unterdessen modernisierte Anlagen immer noch in Betrieb sind:
In Rheinfelden förderte man Salz seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts. Fast gleichzeitig nutzt man seither die Sole zu Heilzwecken. Das Grand Hotel des Salines markierte um die Jahrhundertwende den
Höhepunkt das damaligen Bädertourismus‘. Heute ist das Solbad «Sole uno» eine beliebte Anlage für Reha und Erholung.
Bad Ragaz nutzt bis heute das Wasser der
ehemaligen Heilquelle Pfäfers. Seit 1850 entstanden zahlreiche Hotels und Pensionen. Hier erholten sich der Adel und Persönlichkeiten aus Politik,
Wirtschaft und Literatur. Heute bietet die moderne Therme Wellness und Reha.
Das Leukerbad, Walliserdeutsch «ds Badu», nutzten
die Gäste bereits im 19. Jahrhundert. Mehr als 20 warme Quellen speisen auch heute noch die die Anlagen. Hier zu sehen ist, dass die Gäste sich
auch durch Speis und Trank stärkten. Neben dem Badmeister standen den Badenden auch Servicepersonal zu Diensten (links
Peter Steiger


