Berner Zeitung, 16.12.2013


Von Rotkäppchen und anderen Märchen

Seine akute Phase hatte der Samichlaus am 6. Dezember. Aber als Weihnachtsmann ist er noch gut eine Woche allzeit präsent. Wie kein zweiter verkörpert er die dritte Generation, das Alter. Das lässt die Frage zu, wie er das macht. Die Antwort: schlecht. Fühlen sich Golden Ager durch den Typ mit der Ganzkörperverhüllung, mit Rauschebart und rotem Tschador, angemessen vertreten? Nein. Kann sich ein pädagogisch versierter Grossvater mit dem Gewaltprediger mit Rute und Sack identifizieren? Nein.


Rotkäppchens Grossmutter. Es gilt auch bei den anderen betagten Vertretern der Mythen- und Märchenbranche zu untersuchen, wie sie das Alter darstellen. Das Ergebnis: erschreckend. Rotkäppchens Grossmutter etwa. Die alte Frau lässt sich mit Haut und Haar und Nachtgewand von einem Wolf verspeisen, ohne im Geringsten an artgerechte Tiernahrung zu denken.

 

Frau Holle. Einzige Beschäftigung dieser Seniorin ist Bettwäsche schütteln. Womit sie einmal mehr das Klischee bedient, dass Alte, zumal Frauen, nur zu niederschwelligen Haushaltsarbeiten fähig sind. Jetzt hat die arbeitsrechtlich ungeschützte Hilfskraft auch noch den Job verloren: Schneekanonen.

 

Blaubart. Er wird in allen Darstellungen als angejahrter Lüstling abgebildet. Dass er Frauen ermordet, nun gut, das sollte er nicht. Aber möglicherweise war er ja zum Zeitpunkt der Tat schuldunfähig. Sein Name weist darauf hin: Er tut dies unrasiert. Und betoniert so das Vorurteil des dirty old man, des dreckigen alten Mannes.

 

Hexen. Alte haben in Märchen ein mieses Image. Sie sind unberechenbare Könige oder verschlagene Rumpelstilzchen. Sie sind unbeholfene Gross- oder böse Stiefmütter. Die bekanntesten Repräsentantinnen des dritten Alters im Märchen sind jedoch die Hexen. Sie haben Probleme, doch keiner schaut hin. Sie haben Zahnlücken. Wieso schweigen die Dentisten? Sie haben einen Buckel. Weshalb spucken die Physiotherapeuten nicht in die Hände?

 

Silvio B. Feinfühlende Menschen haben die Geschichten umgeschrieben und uns gewaltfreie und damit korrekte Märchen beschert. Nun wird es Zeit für Märchen, welche die Generationenfrage angehen. Alt ist böse. Das darf nicht sein. Im gleichgestellten «Schneewittchen» steht ein Zwerg im Mittelpunkt. Er ist von sieben schönen Frauen umgeben. Die Frauen sind jung. Der Zwerg ist alt. Er heisst Silvio. Aber halt. Das Märchen kennen wir schon. Es hat ein ausgesprochen anstössiges Ende.