seniorweb.ch, 16.September 2025

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Wir Alten haben die Zwei am Rücken

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Kaum eine Gruppe, die sich nicht diskriminiert fühlt. Kaum ein Grüppchen, das sich nicht als benachteiligt sieht. Weisse, Farbige, Dünne, Dicke und alle LGBTQIA+-Praktikantinnen empfinden sich als vernachlässigt.

Und wir Alten?

Alte vs. Junge. Da wirds politisch. Und damit schwierig. Bleiben wir deshalb beim Alltag. Er ist anschaulicher – vor allem, wenn wir ihn mit Selbsterlebtem illustrieren.

Weil ich ein Konto auflösen wollte, gehe ich zur Bank. Der junge Angestellte, dunkler Anzug, rote Krawatte, kaum dem Ei entsprungen, kümmert sich um mich. „Haben Sie einen Computer“,fragt er mich. „Mein junger Schnösel, ich habe hintereinander ein Dutzend Compis gehabt. Der erste war ein schnussliger Macintosh 124k“ Das Bank-Küken hat nun hoffentlich was gelernt: Es ist diskriminierend, uns Alte gesamthaft als IT-Verweigerer zu sehen.

 

Oft hören und lesen wir, dass die Enkelin dem Grosi das Smartphone einrichtet. Was für eine liebevolle Aufmerksamkeit. Aber sie ärgert mich. Weil: Grosi, auch Groseli, Grosspapi, Papi, das geht im Privaten. In den Medien geht sowas überhaupt nicht. Es ist diskriminierend. Es verniedlicht uns Seniorinnen und Senioren und macht uns zu Kuschelfiguren. Niemand sagt oder schreibt, dass Grosi Karin Keller-Sutter mit Opa Donald Trump ein schwieriges Verhältnis habe. Eben.

Ausserdem stimmt das Grosi-Enkelin-Klischee sehr oft nicht. Viele Seniorinnen wissen besser als ihre Grosskinder, wie man mit der teuflisch komplizierten Bildbearbeitung Gimp arbeitet. Viele Senioren wissen besser als ihre Töchter, wie man mit VPN Geotracking aushebelt.

Unser Redaktionsleiter Linus Baur musste 2024 seine 18 Jahre alte Katze einschläfern lassen. Linus wollte wieder ein Büsi im Haus haben. Die Familie hatte jahrzehntelang Katzen gehalten. Er wusste also, was auf ihn zukäme. Doch in mehreren Tierheimen erklärte man ihm, dass er mit 81 zu alt sei. Dies, weil das Büsi vielleicht länger lebe als er und er möglicherweise später nicht mehr fähig sei, das Tier zu versorgen. Hallo Tierschützer, das ist diskriminierend. Traut man uns nicht zu, dass wir für unsere vierbeinigen Mitbewohner vorsorgen?

 

Freiwilligenarbeit ist wichtig. Freiwillige Arbeiterinnen und Arbeiter fordern kein Geld. Das ist lobenswert. Doch: Was nichts kostet, ist nichts wert, sagt der Volksmund. Hat die Freiwilligenarbeit deswegen ein etwas angeschlagenes Image? Jein. Viele hochkompetente Freiwillige halten wichtige Institutionen am Laufen. Und doch: Wir benützen ein Beispiel um die Kehrseite zu zeigen. Frau Balsiger, Name geändert, bringt im Heim jeden Abend nach der Tagesschau unentgeltlich den körperbehinderten Herrn Locher zu Bett. Sie tut das, weil Herr Locher die Tagesschau als Informationsquelle braucht und weil das Personal um diese Zeit schon weg ist. Das funktioniert, bis die Heimleitung Frau Balsiger erklärt, dass sie das nicht mehr darf. „Die Gleichbehandlung, verstehen Sie.“

 

Das Projekt „Jedes Alter zählt“ ist der Uni Zürich angegliedert. Es will die Altersdiskrimierung an möglichst vielen Fronten bekämpfen. Das ist ein würdiges Ziel. Stutzig macht, dass im siebenköpfigen Projektteam nur eine einzige Person im AHV-Alter ist. Klar: An einer Uni stehen die qualifizierten Mitarbeitenden eher in der Lebensmitte als im Seniorenalter. Aber einer Institution, welche Senioren Arbeitsplätze offen halten will, würden ein paar Ältere gut anstehen – selbst wenns nur Quoten- oder Alibi-Seniorinnen wären.

 

In der Schweiz gibt es unzählige Forschungs-, Informations- und Beratungsstellen, die sich mit dem Alter beschäftigen. Wir Senioren sind demnach ergiebige Forschungsobjekte. Viel weniger begehrt sind wir hingegen als Mitentscheidende oder Mitgestaltende.

 

Noch ein paar weitere Diskriminierungsknüppel: Wir bekommen von den Banken keine Hypotheken mehr. Wir können bestehende Hypos nicht mehr erhöhen. Die Banken begründen dies mit der finanziellen Tragbarkeit. Dabei sind Ü65 mit AHV und PK die sichersten Gläubiger. Das Einkommen fliesst bis ans Lebensende, die Werte der Liegenschaften entwickeln sich nur in eine einzige Richtung: nach oben.

 

Und weiter: Wir können ab einem gewissen Alter keine Leasingverträge mehr abschliessen. Wir erhalten keine Konsumkredite. Wir können nicht bei allen Agenturen ein Auto mieten. Andere Verleihstellen vermitteln uns nur Schwachstrom-Pfupferli. Für all das sollen wir zu alt sein. Der 19-jährige Neulenker darf fast alles, wir Seniorinnen und Senioren hingegen stehen im Schilf.