seniorweb.ch, 3. Mai 2022

 

Kleider? Auch Namen machen Leute

 

Kleider machen Leute, hat Gottfried Keller geschrieben. Stimmt schon. Aber auch Namen machen Leute.

 

Bisschen berühmt werden. Das wollen wir doch alle, wenigstens viele. Auch wir Seniorinnen und Senioren spienzeln danach. Schliesslich möchten wir den Hinterbliebenen mehr überlassen als das Einfamilienhaus und den Enkeln den Gameboy.

 

Pimpen, tunen, upgraden. Aber wie? Jetzt noch kurz vor dem absehbaren Ende Geige spielen lernen und die Konzertsäle erobern? Mühsam. Mit einem Buch den Literaturbetrieb umkrempeln? Da krempeln schon so viele mit. Das Mittel, um wenigstens ein bisschen an der Unsterblichkeit zu knabbern heisst Namenkosmetik, Marketingdeutsch upgraden, Jugenddeutsch pimpen, Autodeutsch tunen, Simpeldeutsch aufwerten.

 

J statt i, C statt K. Seinem Ich mehr Glanz beifügen ist einfach. Oft genügt ein einzelner Buchstabe. Stellen Sie sich vor, geschätzte Leserschaft, dass ein Peter Steyger diese Kolumne geschrieben hätte. Klingt doch schon ganz anders. Veronika ist hübsch, Veronjka tönt besser. Karl ist okay, Carl lässt an Adel denken.

 

Züriberg-Duft. In Zeiten, wo ich morgens ein Mann, nachmittags eine Frau und nachts was dazwischen sein kann, sollte es auch möglich sein, den Namen kreativ zu performen. Denken wir mal an Eugenie. Das duftet nach Züriberg, nach Kunsthistorikerin mit englischem Windhund namens Ethelbert.

 

Ph statt f. Machen wir einen Test. Ruedi Meier ist ein schöner Name. Aber er hat wenig Glanz. Bitte geschätzte Ruedi Meiers bleibt ruhig. Steht nicht gleich Schlange vor unserer Kommentar-Rubrik. Wir wollen nur spielen. Nämlich: Mit wenig Aufwand stossen wir in andere Sphären vor. Aus Ruedi Meier wird Rudolphe W. Meyer und so aus einem Schaden-Inspektor ein Insurance Senior Risk Manager. Wir kennen das auch aus der Geschichte: Johann Wolfgang Goethe (eigentlich Hans Göhte), Gotthold Ephraim Lessing (Göpf Lessing).

 

 

 

Ein paar Buchstaben ändern, und die Nachbarschaft verblasst.  Bild Pixabay, Bearbeitung pst

 

Obsi durch die Mitte. Beliebt ist die Anreicherung mit einem Mitte-Initial: Donald J. Trump, Georg W. Bush, John F. Kennedy. In der Schweiz ist dies vor allem bei Managern verbreitet: Daniel L. Vasella, Philipp M. Hildebrandt, Oswald J. Grübel.*

 

Überdosis I. Gängig ist es, mit dem angeheirateten Doppelnamen Schwerkraft zu erzielen. Vor allem Politikerinnen machen das gerne. BR Karin Keller-Sutter, Alt-BR Micheline Calmy-Rey. Comic-Assoziationen weckt NR Elisabeth Schneider-Schneiter. Bei „Tim und Struppi“ heissen die beidenDetektive Schulze und Schultze. Die ehemalige deutsche CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer überlud ihren Karren. Die Medien bestraften sie und verkürzten ihren Namen zu AKK.

 

Überdosis II. Kolumnen schliessen gerne mit Pointen. Unsere beweist, dass auch verkürzen wirkt. Jassir Arafat, der verstorbene Palästina-Politiker mit nicht mehr ganz reiner Friedensnobel-Weste hiess mit Vollnamen Muḥammad ʿAbd ar-Raḥmān ʿAbd ar-Raʾūf ʿArafāt al-Qudwa al-Ḥusaini. Im Bild: Jassir Arafats eigentlicher Name auf Arabisch.

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* Texte rutschen in der Werteskala nach oben, wenn sie eine Fussnote haben. Hier ist sie: US-Psychologen legten Probanden schwer verständliche Aufsätze über die Relativitätstheorie vor. Der Name des vorgeschobenen Autors varierte zwischen einem schlichten Vor- und Nachname und Namen mit einem oder mehreren Mittel-Initialen. Der vermeintlich glaubwürdigste Verfasser hiess David F. P. R. Clark.