Als ich jung war, begegnete ich alten Menschen meist mit mildem Wohlwollen. Härzig fand ich, wie die alte Dame an der Supermarktkasse umständlich das Münz aus dem Portemonnaie klaubte. Gerührt sah ich, wie der alte Mann am Ticketautomaten hilflos den Kopf schüttelte. Erbarmenswert schien mir das betagte Pärchen, das bei Grün eilends auf die andere Strassenseite trippelte.

 

Heute bin ich selbst alt. Und bin oft nicht mehr so langmütig. Sondern ungeduldig und verärgert. Soll doch die alte Frau das Geld schon vorher vorbereiten. Ist doch auch für Betagte nicht so schwer, einen simplen Billettautomaten zu bedienen. Sollen sich doch Herr Senior und Frau Seniora ein bisschen beeilen, statt den Verkehr zu behindern. So gereizt reagiere ich auf jene Leute, denen ich unterdessen ähnlich geworden bin. Sie sind bloss noch ein bisschen älter und ein bisschen schwächer als ich.

 

Kleine Unterschiede, grosser Streit

 

Je kleiner die Unterschiede, desto grösser sind die Reibungen. Wir zeigen das an ein paar weiteren Beispielen und beginnen vorerst harmlos. Obwohl man die Verschiedenheiten mit der Lupe suchen muss, lästern die Zürcher über die Basler, die Basler über die Zürcher und beide über die Aargauer. Nun wirds aggressiver. Deutschschweizer schimpfen über unsere nördlichen Nachbarn. Politikerinnen klagen über den Stadt-Land-Graben. Und nochmals kräftig an der Schraube gedreht: Serben und Kroaten, irische Protestanten und Katholiken: Wenn sie sich nicht gerade bekämpfen, sind sie nicht auseinanderzuhalten. Und obwohl kaum auszumachen ist, was Israelis von Palästinensern unterscheidet, wollen die einen die andern ins Meer werfen oder aus dem Land drängen.

 

Das Schlimmste zuletzt: In Deutschland waren die allermeisten Juden unscheinbare brave Staatsbürger. Viele waren deutscher als die Deutschen. Trotzdem betrachteten die vorher freundlichen Nachbarn sie während der Nazizeit als Staatsfeinde und Ungeziefer. Den Holocaust verantwortete nicht nur Hitler, manche Deutsche beteiligten sich, viele genehmigten ihn, fast alle wussten davon.

 

Je ähnlicher wir sind, desto mehr schimpfen und streiten wir. Das ist eine ungemütliche Theorie. Doch wie üblich müssen und dürfen wir differenzieren.

 

Aus Italien: que buono.
Aus Deutschland: na ja.

 

Im letzten Jahrhundert kamen viele Italienerinnen und Italiener zu uns. Vorerst fürchteten zwar die braven Schweizer Fräuleins die schicken Konkurrentinnen. Doch schliesslich wurden aus Gastarbeiterinnen und -arbeitern unsere voll integrierten Lieblingseinwanderer. Italianità ist hype geworden. Insalata mista ist auf jeder zweiten Speisekarte zu finden. Ebenfalls fleissig in unser Land eingewandert sind die Deutschen. Meist klappt das Zusammenleben problemlos. Die Deutschen leben als friedliche Nachbarn unter uns. Doch anders als der Zufluss aus dem Süden löst der Zugang aus dem Norden bei uns keine grosse Begeisterung aus. Beim Ich-krieg-ein-Brötchen-Modus im Bäckerladen schütteln wir den Kopf. Und anders als Insalata mista ist Labskaus* kein Bestandteil unserer Speisekarten  geworden.
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* Labskaus ist ein Kartoffelgericht mit Rindfleisch und Roter Bete, oft auch mit Spiegeleiern, Sauerkraut und weiteren Zutaten. Es wird vor allem in Norddeutschand verzehrt.

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