Berner Zeitung, 19.10.2015


Sondersetting mit Flättere


Ich habe die Wohnung angezündet. Damals war ich zehn, spielte mit brennenden Kerzen, und als ich das Zimmer verliess, geschah es: Der Vorhang entflammte. Es war mitten in der Nylon-Polyester-Ära, das Zeug brannte lichterloh. Die Eltern löschten mit nassen Tüchern. Ausser Rauch und einer schwarzen Zimmerdecke entstand kein Schaden. Trotzdem tatütete die Feuerwehr herbei, vermutlich von den Nachbarn gerufen.


Einen Tag später kam der Polizist. Mit Uniform, Notizblock und Pistole. Das jagte mir einen fürchterlichen Schrecken ein. Ach ja, kurz nachdem klar war, dass der Wohnungsbrand ausser Rauch, Gestank und einem misshandelten Vorhang nichts hinterliess, kassierte ich vom Vater eine Ohrfeige. Sie tat nicht sehr weh, ihm vermutlich mehr als mir.


Ich empfand die väterliche Gewaltanwendung als angemessene Form der Konfliktbewältigung. Heute gäbe es keine Flättere mehr. Sondern eine Gefährdungsmeldung an die Kesb. Dann würde die aufsuchende Erziehungsberatung bei meinen Eltern vorsprechen. Und Defizite feststellen. Diesen würde man mit deliktorientiertem Coaching begegnen. Sicher wäre eine Traumabehandlung samt Ritualarbeit hilfreich.


Zum Wohle des Kindes und weil sich meine Eltern bei der systemischen Familienaufstellung nicht richtig positioniert hatten, würde ich fremdplatziert, am ehesten bei einer Pflegefamilie. Weil dem Pflegepapi die ressourcenorientierte Ausbildung fehlt und die Pflegemami kein Diplom in Family-Networking hat, würde dies mein eh schon vorhandenes Gewaltpotenzial fördern. Trotz integrativer Konfliktarbeit und verstehender Jugendarbeit würde ich zusehends sozial isoliert.


Die weitere Karriere ist absehbar: Delinquenz, Jugendgericht, anschliessend Sondersetting mit Aromatherapie, niederschwelligem Segeltörn und Rebirthing. Dann, weil dies alles nicht richtig anschlägt, die Sonderpädagogische Therapie- und Lebensgemeinschaft Wydehüsli. Dort würden mich die wirklich prächtigen Gspänli zu meinen Wurzeln zurückführen: zur Brandstiftung. Je nach Tagesform würde ich entweder als Neonazi die Reitschule oder als Antifaschist das Amthaus anzünden.


Wie gut, dass damals mein Vater mit einer Ohrfeige reagiert hat.