Berner Zeitung, 8.04.2013


Die Schnüffelnase, der Schluckspecht, der Problemhaufen

Die Spitex-Haushilfe öffnete Schubladen und Schränke. Sie studierte die Medikamente und inspizierte Schuhe und Wäsche. Dazwischen griff sie zum Staubsauger und wusch das Geschirr ab. Dann benutzte sie die Gelegenheit, um verstohlen die Post durchzusehen. Ein Brief war offen. Sie gewann daraus die Erkenntnis, dass eine Rechnung unbezahlt geblieben war. Nach einer knappen Stunde war die Wohnung einigermassen sauber geputzt, und die Haushilfe war um viele Erkenntnisse reicher.

 

Ein halbes Dutzend Putzfeen. Die Bekannte, die mir dies erzählte, benötigte nach einer Operation eine Haushilfe. Jeden zweiten Tag sollte eine gute Fee in ihrer Wohnung in der Agglomeration Bern eine Stunde lang nach dem Rechten sehen. Die rekonvaleszente Frau beauftragte die lokal zuständige offizielle Spitex. Vier Wochen lang beanspruchte sie die Unterstützung. In einem schwierig zu durchschauenden Turnus wechselten sich insgesamt sechs Frauen beim Dienst mit Schaufel und Besen ab.

 

Drei dieser sechs Damen arbeiteten erwartungsgemäss. Zum verhaltensauffälligen Trio gehörte die Frau mit der überbordenden Neugier. In der gleichen Liga war eine Haushilfe aktiv, die einen etwas gar lockeren Umgang mit dem Alkohol hatte. Immerhin vergriff sie sich nicht an Vorräten vor Ort, sondern brachte den Stoff selbst mit. Sie trank im Verborgenen. Unentdeckt blieb ihre Leidenschaft, nein Sucht, dennoch nicht. Man sah ihr zwar nichts an, aber sie hatte eine solide Fahne.

 

Die Dritte hatte eine unstillbares Mitteilungsbedürfnis. Und einen zugegeben problematischen familiären Hintergrund. Meine Bekannte, nach der Operation und vor einer ungewissen Zukunft nicht gerade in fröhlicher Stimmung, erfuhr so ungewollt, wie schwierig das Leben einer alleinerziehenden Mutter ist: der Vater in St. Nirgendwo, die Kinder in schulischen Schwierigkeiten, das Sozialamt in den Händen von unfähigen Beamten.

 

Man sei keine geschützte Werkstätte, versicherte die Spitex meiner Bekannten, als sie sich beschwerte. Vermutlich hatte sie mit der Schnüffelnase, dem Schluckspecht und dem Problemhaufen tatsächlich einfach ein schlechtes Los gezogen. «Im Nachhinein wars doch ein Glückstreffer», erinnerte sie sich später. «Sowohl für die drei wie auch für mich. Wo sonst hätten diese schwer vermittelbaren Frauen einen Job gefunden? Und: Die drei haben mir gezeigt, dass es mir doch nicht so schlecht geht.»