Berner Zeitung, 1. Mai 2017

 

Geweihte Dildos

 

Mit schlüpfrigen Titeln («Geweihte Dildos») ist es so eine Sache. Sie schaffen zwar Aufmerksamkeit. Doch wenn sie nicht einlösen, was sie verheissen, sind sie fies. Diese Überschrift hält, was sie verspricht. Allerdings erst am Schluss. Also bitte dranbleiben. Danke.

 

Nehmen wir mal an, dass die Justiz ihr strenges Auge auf mich geworfen hat. «Haben Sie Nacktfotos Ihrer Frau auf dem Computer?», wird mich der Polizist fragen. «Ja», werde ich sagen und erleichtert aufatmen. Denn ich habe welche. Zum Glück. Sie stammen aus jenem ultramodernen Hotelzimmer, wo das Bad nicht durch Mauern, sondern durch Glaswände abgetrennt war. Aus Jux und hinter viel Duschdampf haben wir unsere Handykameras bedient. 

 

Über die Bilder würde ich mich freuen, weil Pornos oder wenigstens die entfernte Vorform unseres Ferienvergnügens vertrauensbildend sind. Letztes Jahr stand nämlich in einer deutschen Polizeimeldung, dass auf dem Computer eines Verdächtigen keine Sexbilder waren. Und dass die Ermittler dies höchst erstaunlich fanden. Kehrt man das um, gilt als unbelastet, wer Porno stapelt, und verdächtig, wer nichts Bluttes im Speicher hat. 

 

Mit Allerleisex registriert zu sein, ist die neue Form der Auszeichnung, auf die man getrost ein bisschen stolz sein darf. Es bedeutet Weltläufigkeit, Toleranz und ein breites Spektrum. Der Akteneintrag als Ehrenzeichen, das war schon früher so. Ich erinnere mich, dass ich nach der Fichenaffäre 1990 beim dafür zuständigen Bundesarchiv nachfragte, ob ich auch so ein Ruhmesblatt habe. Und enttäuscht war über den negativen Bescheid. Dabei hatte ich doch an drei Ostermärschen teilgenommen, wollte mich beim Militär aus Gewissensgründen zum waffenlosen Sanitätsdienst umteilen lassen und hatte 1968 bei den Globus-Krawallen zugeschaut.

 

Vor 25 Jahren erhielt ich keinen Fichenorden für stramm linke Gesinnung. Und auch heute reichts wohl nicht für einen Blüttler-Eintrag. Für Letzteres sind die Grenzen unterdessen viel zu weit gesteckt. Mittlerweile sind auch die Religionen in diese Branche eingestiegen. In Jerusalem vertreibt Rabbiner Natan Alexander Sexspielzeug über Bebetter2gether.com. Einen ähnlichen Kundenkreis bedient das Portal Koshersextoys. net. Allerdings sind doch noch nicht alle Dämme gebrochen. Wir Katholiken warten immer noch auf geweihte Dildos. 

 

 

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