Berner Zeitung, 5. September 2016

Einmal Euro-Kebab mit allem


Euro-Islam, das wärs. Ebenso nötig ist jedoch der Euro-Kebab. Nun ja, vielleicht nicht ganz so dringend, aber immerhin. Nicht das Essen ist zu reformieren. Zwar riecht es immer ein bisschen zu partizipativ, wenn man mit einem Döner-Reisenden im Bus oder im Tram unterwegs ist. Doch sonst ist das Fleisch-Zwiebel-Pfeffer-Gemenge in Ordnung. Aber der Kebabstand braucht ein anderes Aussehen. Er ist überall gleich, nämlich hässlich.


So sieht die Dönerbude aus: Viel rot, viel gelb, viele grosse Schriften, gerne gebogen gesetzt. Viele Bilder. Zu sehen sind Pide, Dürüm oder Falafel. Die Illustrationen entsprechen nicht immer den neusten Erkenntnissen der Gourmetfotografie. Vor dem Stand stehen fünf Monobloc-Plastikstühle, daneben, auch aus Plastik, drei Stehtische, geliefert von Coca-Cola und dementsprechend lauthals beschriftet. Die Sonnenschirme stammen ebenfalls von einer Getränkemarke.Kebabstände heissen Sultan’s Palace, Ambassador Grill und Royal Place.


Ebenso einheitlich wie der Kebabstand präsentiert sich das Chinarestaurant. Hier erkennen wir als unabdingbare Bestandteile den roten Lampion, den Drachen in verschiedenen Ausprägungen, gerne im Doppelpack vor dem Eingang. Vor dem Lokal verbreitet ein Pagodendach Original-China-Stimmung. Im Restaurant grüsst als Winkefigur eine Katze. Ein Plastikbuddha kümmert sich um unsere spirituellen Bedürfnisse.
Chinarestaurants heissen Dragon Duck, Lucky Mandarin und Oriental King.


Vom hohen Norden bis in den tiefen Süden hat es Kebabbuden und Chinarestaurants. In Grönland finden wir gleich neben dem Iglu sowohl das Bamboo Paradise wie den Imperial Döner.
In Sizilien liegen gleich neben der antiken Säule das Jade Emperor und der Istanbul Star.


Irgendwo dazwischen liegt Bern. Wie überall trifft auch hier das Chinarestaurant mit Plastiklöwe auf den Kebabstand mit Coca-Cola-Stehtheke. Happy Mandarin grüsst Lucky Sultan. Und wie überall schauen die Behörden weg. Aber nur hier, nur in Bern haben sie einem Apotheker verboten, eine Rollstuhlrampe zu seinem Geschäft einzurichten.

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