Berner Zeitung, 27. Dezember 2016

Weihrauch, Myrrhe? Windeln wären weit praktischer

Fast hätte Joseph geflucht. Gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass dies weder der Ort noch die Zeit dafür war. Der Ort: der Stall zu Bethlehem. Die Zeit: der späte Abend am Tag, an dem Maria Jesus geboren hatte. Und der Grund für den Ärger: Schon wieder streckte so ein gwunderfitziger Hirte seinen Kopf durch die Stalltür. Alle Welt wusste doch, was eine Frau brauchte, die eben erst ein Kind geboren hatte: Ruhe und Schlaf.


Seit Stunden ging es nun hier zu wie auf dem Märitplatz von Nazareth. Die Leute kamen und gingen, schwatzten, lachten, wollten das Baby sehen, Gilli-gilli und Schnucki-putzi machen. Der Trubel liess Joseph immer wütender werden. «Gopf...» Im letzten Moment stoppte er: nicht hier, nicht jetzt.


Gewiss, manche hatten Geschenke dabei. Zum Beispiel diese drei fremden Herren. Der eine brachte Myrrhe mit, der zweite Weihrauch, der dritte Gold. Schön und gut. Maria und Joseph bedankten sich artig. Aber dann schauten sie sich an: Eigentlich hätten sie Windeln gebraucht.


Und jetzt nochmals so ein Hirte. Diese Männer waren nicht allzu sauber, und, na ja, sie rochen auch ein wenig streng. Und dies bei einem Neugeborenen. Als nun der Hirte mit seinen eben doch recht schmutzigen Händen nach den winzigen Fingern des Kindes greifen wollte, da platzte Joseph der Kragen: «Gopfver...» Doch da, mitten im Wort, wurde es hell, so hell, dass Joseph fürchterlich erschrak und verstummte. Immerhin war er so beherzt, dass er nach draussen ging und schaute, was da vor sich ging.


Das Licht kam aus einer Wolke, und aus dieser Wolke dröhnte eine Stimme: «Ich bin ein Engel, hörst du mich?» Joseph nickte. «Du sollst nicht fluchen, verstanden.» Joseph nickte abermals. «Und du sollst diese Könige und Hirten freundlich empfangen, kapiert.» Joseph nickte, allerdings weniger heftig als vorher. «Das ist wichtig, weil es so in der Bibel stehen wird», fuhr der Engel fort.


«Als Gegenleistung werde ich euch reich entlöhnen», versprach der Engel. Jetzt hob Joseph interessiert den Kopf. «Euer Baby Jesus wird ab sofort jede Nacht durchschlafen, nur ganz wenig weinen, stets brav essen, keine Kinderkrankheiten bekommen, nicht trotzen und jene Kleider anziehen, die Maria für richtig hält.»


Joseph schien das ein fairer Handel zu sein. Er nickte. Und bestätigte damit eine Abmachung, die uns noch heute beschäftigt. Die Vereinbarung erklärt, warum in der Bibel nichts über die ersten Lebensjahre von Jesus steht: Weil es nichts zu berichten gab. Jesus ass brav, weinte kaum, trotzte nicht und zog die Kleider an, die Maria für ihn bereitlegte.

Berner Zeitung

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