Berner Zeitung, 17. Oktober 2016

Staubernte unter dem Radiator

Malen, putzen, kleben. Tönt harmlos. Ist es aber nicht, sondern gefährlich. Es macht süchtig, unberechenbar und böse.

Malen. Da habe ich doch einen alten Korbstuhl weiss gesprayt. Nun ist er wieder wie neu. Wunderbar. Und weil gleich daneben das Balkonkistli auch so jämmerlich aussah, veredelte ich auch dieses Teil mit Farbe. Dann, als Stuhl und Kistli in Schönheit vereint nebeneinanderstanden, spürte ichs zum ersten Mal. Ich war angefixt vom Erlebnis, aus Altem mit Pffft aus der Dose Neues zu schaffen. Euphorisiert verhalf ich einem Kerzenständer zu frischem Glanz. In Trance erhielt ein Beistelltischchen neues Leben. Losgelöst von der Erde, verschaffte ich einem Hocker eine Wiedergeburt. Gewiss, es gab Kollateralschäden, ein Tropfen hier, ein Tropfen dort, der Strahl ging auch mal daneben.


Putzen. Mit wenig viel erreichen. Das macht abhängig. Die Sucht lauert überall. Zum Beispiel unter der Kommode. Dort ist Staub, dort sind garstige Flocken, gammeln hässliche graue Nester, drohen Fuselwolken, lagern Haare, Schuppen, Milbenkot, verendete Fliegen, Krümel. Igitt, pfui. Aber nun kommt der Supersaubermann, tränkt Haushaltpapier mit Glasreiniger, und wischwasch, der Dreck ist weg. Nun klebt aller Ekel dieser Wohnung am Papier. Man siehts, man spürts, man freut sich: Das Böse ist eingefangen. Das fährt ein. Drum kommt jetzt die Ecke neben dem Schrank dran, die eitergelblichen Schmieren unter dem Lavabo, und schliesslich der Höhepunkt: die Staubernte unter den Radiatoren.


Kleben. Letzte Woche kaufte ich einen Kleber, einen Super-Extra-Power-Sekunden-Leim. Für den abgebrochenen Henkel am alten Krug. Potz Blitz, schon ist das Teil wieder dort, wo es hingehört. Es kam, was vorauszusehen war: der Haken im Badezimmer, die Sohle an den Pantoffeln (funktioniert wirklich), der Arm an der Figur, die Zahl 11 an der Küchenuhr, die Schranktür. Nein, die nicht. Aber als ich im Kleberausch nahe dran war, sie zuzuleimen, hatte ich diesen Einfall: Da ist doch dieser Nachbar, dieser arrogante Kerl, der nie grüsst und immer grillt. Wenn ich dessen Gartentor...


 

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