Berner Zeitung, 13.6.2016


Witze und Viren veralten


So eine Kolumne soll ja zum Nachdenken anregen oder lustig sein. Lustig sein ist besser. Denken muss man selber, lesen allein reicht nicht. Bei Pointen hingegen genügt lesen, das Lachen kommt ganz von allein. In diesem Sinne ähneln Witze den Grippeviren. Wenn man sich ihnen nähert, wirken sie, ob man will oder nicht. Und wie bei den Grippeviren verpufft der Effekt der Witze im Laufe der Zeit. Früher erkrankten die Menschen an Spanischer Grippe, jetzt nicht mehr, dafür an der Vogel- oder an der Schweinegrippe.


Der mit der Telefonzelle. Genauso verhält es sich mit den Witzen. Die alten wirken nicht mehr. Erinnern wir uns: Da gabs doch diese Telefonhäuschenwitze. Zum Beispiel den: Nachdem die Frau mit dem Auto in die Stadt gefahren ist, kommt sie nach Hause. «Hallo Schatz», sagt sie zum Mann, «ruf doch mal bei den PTT an, was eine Telefonkabine kostet.» Das Muster zeigt gleich zweifach, wie Pointen veralten. Erstens machen wir keine Witze mehr über autofahrende Frauen, wenigstens dann nicht, wenn jemand zuhört. Und zweitens: Die PTT sind tot, das Telefonhäuschen ist am Sterben. Über Todkranke lacht man nicht.


Der mit dem Manta-Fahrer. Ebenfalls kein Viruspotenzial mehr hat ein weiterer Autowitz. Treffen sich zwei Manta-Fahrer. Sagt der eine: «Gestern hat mir jemand gesagt, dass ich bloss einen IQ von 75 habe.» Antwortet der andere: «Siehst du, ich hab dir immer gesagt, dass unsere Autos zu wenig PS haben.» Hahaha? Nein. War halt bloss in den Siebzigern lustig. Damals fuhren Mantas herum, schwächliche So-tun-als-ob-Sportwagen, Opel. Deren Besitzer galten als intellektuell eher bescheiden ausgestattet.


Der mit dem Krokodil. Telefonhäuschen und Manta-Fahrer sind zwar selten geworden, aber ältere Mitmenschen erinnern sich noch. Doch wie steht es um die ganz frühen Scherze? Wir wissen nicht, worüber man im Mittelalter lachte. Purem Zufall ist es zu verdanken, dass ein Hobbyhistoriker einen solchen Gag entdeckt haben will: Frisst ein Krokodil in der Sahara einen voll ausgerüsteten Kreuzritter mit Harnisch. «Pfui Teufel», ekelt sich das Krokodil, «schon wieder Büchsenfleisch.»


Der mit dem Pfahlbauer. Blenden wir weiter zurück, wirds noch schwieriger. Haben die Pfahlbauer sich gegenseitig in den Moossee geschubst und dabei gekichert? Wissen wir nicht. Bekannt ist, dass im Neuen Testament keine einzige Stelle zu Heiterkeit reizt. Aber möglicherweise haben die Verfasser für uns nicht mehr erkennbare Pointen hineingeschrieben, über die ihre Zeitgenossen herzhaft lachten.


Der mit Mohammed. Womit wir über veraltete Witze unvermittelt in der Aktualität landen. Jesus lachte nie. Mohammed schon, erklären Korankenner. Das müsste doch die Islam-Fundis eigentlich zum Nachdenken anregen.


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