Berner Zeitung, 5.5.2014

 

Eheszenen einer Pensionierung (2): Balsiger optimiert


Die Pensionierung ist kein Karriereknick, erfordert aber ein persönliches Rebranding. Dies erkennt Balsiger schon am ersten Tag, nachdem man ihn, Abteilungsleiter, mittleres Kader, mit einer Feier in der Firma verabschiedet hat. Das Geschenk der Mitarbeiter, ein Einkaufsgutschein über 500 Franken und Martin Suters Buch «Business Class», war übrigens deutlich kleiner als das Präsent, das Lüscher, ebenfalls Abteilungsleiter, letztes Jahr beim gleichen Anlass erhalten hatte.


Balsiger deutet das schlechte Ergebnis als Reaktion auf eine seiner letzten Human-Ressource-Optimierungen. Die biorhythmusbasierte Pausenregelung war nicht überall gut angekommen. Balsiger hatte die Kaffeepause von vormittags zehn Uhr auf nachmittags halb drei verschoben, auf eine Zeit also, wo alle aus biorhythmischen Gründen schlaff und ineffizient waren.


Performance ist kein Zufall, sondern Strategie. Balsiger ist ein Optimierer. Keiner weiss das besser als er selbst. Diese Gabe gedenkt er auch im neuen Tätigkeitsfeld, dem Haushalt, einzusetzen. Den ersten Schritt hatte er bereits getan, indem er die Einkaufstour seiner Ehefrau Silvia ressourcenorientiert redesignt hatte. Bisher hatte sie erst den Hund ausgeführt, war zurückgekehrt, hatte gejoggt, um dann im Shoppingcenter Sunnächerli einzukaufen.Er hatte angeordnet, dass seine Gattin Synergien ausschöpft. Nun joggt sie mit dem Hund ins Sunnächerli. Silvia war nicht begeistert, hatte aber eingerenkt.

 

Als er, teamorientiert wie er ist, die Fixleintücher zum Trocknen aufhängt, wird ihm bewusst, wie viel Potenzial in einem so simplen Vorgang wie der Wäsche steckt. Silvia hatte bisher intuitiv gehandelt. Zwar hatte sie Koch-, Bunt- und Schonwäsche getrennt, darüber hinaus aber die Maschine ohne weiterführende Entscheidungsgrundlagen gefüllt. Das gedenkt Balsiger zu ändern. Phase 1: Daten sammeln, Phase 2: Daten auswerten. Phase 3: Produktion optimieren.

 

Er ordnet an, dass Silvia jedes Wäschestück kodifiziert, dann vor dem Waschvorgang den Verschmutzungsgrad, die Wassertemperatur, die Waschdauer und den Zeitpunkt der letzten Reinigung erfasst. Um ihr die Excel-Tabellen zu erklären, verfügt er eine stufenadäquate In-House-Schulung. Nachdem er eine halbe Stunde auf Silvia gewartet hat, geht er dorthin, wo er sie sonst immer findet, in die Küche. Statt Silvia trifft er dort einen Zettel. «Ich habe dich verlassen.»

 

Balsiger ist perplex: Die Kündigung seines wichtigsten Mitarbeiters ist im Businessplan nicht vorgesehen.


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