Berner Zeitung, 24.4.2014


Eheszenen einer Pensionierung (1): Balsiger analysiert


Die Pensionierung betrachtet Balsiger als Managementaufgabe, eine mehr in der Reihe der Challenges, die er bisher gemeistert hat. Mit Genugtuung denkt Balsiger, Abteilungsleiter, mittleres Kader, an eines seiner Hauptwerke, die personenzentrierte Kopienbewirtschaftung, kurz PzKb. Mit 20 Stellenprozenten für Erfassung und Abrechnung war es ihm gelungen, den Papierverbrauch des abteilungsinternen Kopiergeräts um gut 15 Prozent zu senken.

 

Im neuen Tätigkeitsgebiet steckt viel Potenzial. Das analysiert Balsiger gleich nach der Pensionierung. Der Haushalt, bisher Silvias Domäne, ist managementmässig ein Trümmerfeld. Deutlich wird dies bei der täglichen Einkaufstour. Silvia lässt am Morgen den Hund im Freien pinkeln. Zurückgekehrt, joggt sie. Meist gegen Mittag kauft sie im nahen Shoppingcenter Sunnächerli ein. Kürzlich hat sie dort im Buchladen Martin Suters «Business Class» erstanden. Die Performance für diesen vierstündigen Aufwand ist bescheiden.


Beim Reengineering muss er beim Zielfeld Prozesse und Strukturen ansetzen, erkennt Balsiger. Er ordnet deshalb an, dass Silvia, ohne den Hund von der Leine zu lassen, ins Sunnächerli joggt, das Tier dort deponiert und mit den Einkäufen und dem Hund zurückkehrt. Das ist, wie Balsiger vermerkt, biozentriertes Management: Der nun vom Versäuberungsdrang getriebene Hund erledigt sein Geschäft weit schneller als früher, als er unnütz herumschnupperte. Das gleiche Ergebnis, Hund ausführen, joggen, einkaufen, erreicht Silvia nun in zwei statt in vier Stunden.


Erstaunlicherweise sträubt sich Silvia vorerst. Balsiger beschliesst, die angestrebte Verhaltensänderung mit einem zielführenden Mitarbeitergespräch zu erreichen. Um eine positive Stimmung zu schaffen, lobt er zuerst das gestrige Nachtessen, gibt sich offen und authentisch, erwähnt beiläufig, dass eine bessere persönliche Performance auch Silvias Tätigkeitsfelder erweitern und die Aufstiegschancen verbessern würde. In der Sache jedoch bleibt er konsequent: Die Hunde- und Einkaufstour muss jetzt nach seiner Pensionierung ressourcenorientiert optimiert werden.


Seine Gattin stimmt zwar halbherzig zu. Doch Analytiker Balsiger bemerkt, dass Silvia nahe dran ist, in die innere Emigration zu flüchten. Wenn Mitarbeiter die erforderlichen Leistungen nicht erbringen, muss man sich von ihnen trennen. Balsiger beschliesst, diese nächste Stufe vorerst noch nicht ins Auge zu fassen.


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