Berner Zeitung, 17.11.2014

Warum ich kein Auto sein möchte


Ich hatte mal einen Döschwo, Jahrgang 1960. Ich kaufte ihn 1969, er kostete 800 Franken. Die Ente verlor Öl. Jeweils nach 100 Kilometern musste ich den Dynamo putzen, damit die Batterie wieder Strom bekam. Ausserdem hatte das Auto keine erwähnenswerte Heizung. Meine Freundin und ich versuchten mit einem Camping-Gaskocher die Stimmung im Iglu zu verbessern. Es war ein sehr unbequemes Fahrzeug. Aber wir hatten es sehr, sehr lieb. Die Freundin nähte Sitzbezüge aus rotem Samt.


Weil Autos rosten. Wenn ich die Ente behalten hätte, könnte ich sie heute für 25 800 Franken verkaufen. Für diesen Betrag war diese Woche ein ähnlicher 2CV auf einem Occasionportal ausgeschrieben. Ein Vermögen für eine Blechente, das wäre schön. Das lange Warten auf den hübschen Gewinn hätte allerdings Tücken. Dem vorgestellten Fahrzeug wurde ein guter Zustand attestiert. Das bedeutet, dass gütige Umstände, sorgfältige Pflege und eine wüstentrockene Garage das Auto vor Standschäden und vor dem Verrotten bewahrt haben müssen. Unserem Döschwo konnte man beim Rosten zusehen.


Weil Autos auf dem Abbruch landen. Damit bin ich beim eigentlichen Thema angelangt, nämlich beim Altern. Ich bin froh, dass ich kein Auto bin. Sonst wäre ich längst im Abbruchnirwana gelandet oder hätte zumindest die Wellendichtringe, die Ausrückgabel oder gar die Drosselklappenstutzen ersetzen müssen. Wir Menschen hingegen altern vergleichsweise prächtig. Und relativ günstig – selbst wenn wir die gängigen Ersatzteile für Knie- und Hüftgelenke einbeziehen.


Weil bei Autos Unfallschäden nicht selber heilen. Überdies sind die Schäden nach einer Kollision bei Menschen meist kleiner. Da hatte ich einen Unfall mit dem Mountainbike. Klar, alte Männer sollten Absi-Kurven nicht unter- und ihre Fahrkunst nicht überschätzen. Jedenfalls landete ich auf dem Strässchen. Das Resultat waren gut assortierte Bläuele und gequetschte Rippen. Karosserieschäden eben. Wäre ich ein Auto, hätten die Fachkräfte des Garagengewerbes fleissig werkeln müssen. Und das Fräulein im Büro hätte (Wem? Mir?) eine fette Rechnung zugestellt. Aber so taten die Hämatome, was sie eben so tun, und verfärbten sich wie der goldene Herbstwald. Das wars dann. Keine Kosten, keine Rechnung.


Weil Autos zwar nett, aber nicht wirklich lieb sind. Wir liebten unseren Döschwo sehr. Aber noch mehr liebe ich dieses Ding da aus Fleisch, Blut und Knochen. Hallo Körper, mach weiter so. Vielen Dank.


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