Berner Zeitung; 8.10.2012; Seite 7st

Aus Steiger
Mein Gott, was haben wir Journalisten früher für Stuss geschrieben


Kürzlich hat sich «Der Sonntag»-Redaktor Kurt Emil Merki pensionieren lassen. In seinem Abschiedsartikel hat sich der mir persönlich nicht bekannte Kollege beklagt, dass der Journalismus kommerzieller, oberflächlicher, schlechter geworden sei. Andere altgediente Zeitungsleute äussern sich ähnlich.

 

Liebe Mit-Aussteiger, lieber Kurt Emil Merki: Das stimmt nicht. Noch nie wurde in den Schweizer Redaktionen so professionell, so engagiert und so präzis gearbeitet wie heute. Das lässt sich überprüfen, wenn man dreissigjährige Zeitungen durchblättert. Mein Gott, was haben wir damals für Stuss zusammengeschustert. Es war halt auch jene Zeit, wo die regionalen Blätter mit ihrem lukrativen Medienmonopol auf den Rotationsmaschinen gleichsam Geld druckten.

 

Die früheren Chefredaktoren sind bei Kollege Merki journalistische Lichtgestalten, derweil ihre Nachfolger heute inserentenverliebte Manager sind. Ach was. Da gabs doch in den Achtzigern jenen Boss, dessen Namen gläubige Christen heute nicht mehr in den Mund nehmen. Nein, er hiess nicht Teufel. Aber die Richtung stimmt. Sein lokaljournalistischer Input bestand im Wesentlichen darin, dass wir alljährlich die Fasnacht in jenem Städtchen am Murtensee gross abfeiern mussten. Heute verstehen die Chefs was von der Büez. Was nicht immer angenehm ist.

 

Möglich, dass es damals romantischer war. An der Höllenmaschine unten im Rotationskeller drückten wir mit dem grossen roten Knopf die ersten Vorausexemplare heraus. Dann kippten wir zwischen den mannshohen Archivschränken der Bildredaktion eine, nein, zwei Flaschen Weisswein. Heute gibt es weder Wein noch Archivschränke mehr.

 

Früher suchten wir, heute finden wir. Früher war das schlecht nachgeführte Redaktionsarchiv die wichtigste Informationsquelle. Heute liefern die Suchmaschinen das Millionenfache im Nullkommanix. Früher mussten wir stundenlang grübeln, um herauszufinden, wann die Worble das letzte Mal über die Ufer trat. Heute weiss ich nach wenigen Minuten, dass durch die Entwässerung der Autobahnen bei starken Niederschlägen zu viel Schadstoffe in den Wohlensee fliessen.

 

Ich hab den Job von der Pike, nein, von der Zeilengussmaschine aus gelernt. Jeweils am Freitag, um 16 Uhr, hat der Herr Redaktor mich 19-jährigen Schriftsetzerstift damit beauftragt, die noch halb leere Seite zu füllen. Mit Stehsatz, mit Agenturschrott, «irgendetwas muss doch noch da sein», hat er gesagt, bevor er sich eilenden Schrittes in Richtung Restaurant verschob.

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