Berner Zeitung, 30. November 2017

Wenn Vatter gfätterlet, pässlets


KABARETT Ben Vatter zeigt «Gvätterle» in der Cappella. Sein erstes Soloprogramm mit Liedern, Chansons und Texten ist höchst vergnüglich.


Ausgerechnet einen Nichtberner schickt diese Zeitung als Berichterstatter. Schlimmer noch: einen Zürcher. Immerhin versteht er nach Jahrzehnten in der Bundesstadt die hier gängige Sprache. Wenigstens fast. Ausdrücke wie braschauere, graagge oder zaagge waren dem Integrationswilligen bisher unbekannt geblieben. Jetzt nicht mehr. Denn: Ben Vatter zeigt sein erstes Soloprogramm in der Cappella. «Gvätterle» nennt er sein Werk. Er singt Chansons und Lieder, begleitet sich auf dem Klavier und liest aus seinen Kolumnen, die im «Bund» erschienen sind.


Man lernt viel von Vatter, dem Chorleiter, Musiklehrer, Arrangeur und Dialektkundigen. Als Berndeutschpsychopapst bezeichnet er sich. Das Wortspiel ist witzig, aber nicht ganz treffend. Er zelebriert Mundart nicht als Hohepriester, sondern überaus vergnüglich. Die Berner sind ja zu Recht stolz auf ihren Dialekt. Kein Wort ist davor gefeit, liebevoll so weit eingebürgert zu werden, bis es den Bernern pässlet.


Nicht nur Heimatabend 2.0

 

Ben Vatter liedete und brichtete, dass es all den Tömus, Tinus, Fränes und Käthles in der ausverkauften Kulturkapelle warm ums Herz wurde. Vorerst müssen Ädu, Aschi und Erele auf den nächsten Vatter-Auftritt warten. Er gastiert erst wieder Anfang Januar in der Cappella und reist Ende Februar in die Alti Moschti in Mühlethurnen sowie Ende März in die Kulturfabrik Bigla in Biglen.

 

Dem Publikum waren Ben Vatters Sachen, die man nur auf Berndeutsch machen kann, viel Applaus wert. Es sind Sachen, bei denen man, um beim vatterschen Original zu bleiben, gfätterle, chnuschte und grümschele kann, wo die Kinder tschiggle und ziggle, die Erwachsenen löle und trööle und wo man sich halt auch über Grüsle ärgern muss. Berndeutsch ist melodiös. Das hören die Berner gern. Vatter steigert den Wohlklang, weil er sich bravourös auf dem Klavier begleitet.

 

Das tönt nach Heimatabend 2.0. Ist es auch. Aber nicht nur. Vatter bezeichnet Mani Matter und Georg Kreisler als Inspirationsquellen für seine Arbeit. Sein Medley aus zwanzig Matter-Chanson-Schnipseln ist virtuose Hochleistungsunterhaltung. Witwe Joy Matter war in der Cappella beeindruckt.


Mit der Sprache chüderle

 

Vor der Pause präsentierte er Berndeutsch, nachher Mord und sonstwie Grausliches, Politisches etwa. Vor allem mit Letzterem verlässt er seinen USP, neoberndeutsch für «Unique selling point». Nur Vatter kann mit der Sprache dermassen chüderle. Wenn er das Minarettverbot und die Burkadebatte aufwärmt, markiert er in der Kabarettszene längst besetztes Terrain.

 

Mit seinem Lied «Uf der Suechi nachere Bratwurst» kämpft er witzig gegen den Trend zum Einheitsschweizerdeutsch. Am ersten Wurststand fragt ihn die Verkäuferin: «Was gits bi Ihne?» Bei der zweiten Braterei hört er: «Was nämet Sie?» Der Berndeutschschützer entrüstet sich. Und der Zürcher zuckt zusammen.