Berner Zeitung, 17. Juni 2019

Augen auf! Zwischendurch: Ohren zu!

Ostermundigen Putschautos und ein verlotterter Zug überzeugen, die Jekami-Texte überhört man besser: Das Theater Madame Bissegger zeigt in einem alten Industriebau in Ostermundigen «Halt Halle».

Fast am Schluss kommt ein Flugzeug. Es ist rot, hat einen Propeller, der sich dreht, und einen Motor, der Lärm macht. Das Flugzeug schwebt an einer Laufkatze durch den Raum. So heissen die beweglichen Kranbauteile, bei denen das Hebegerät oben an einer Schiene entlangläuft. Damit ist bereits zweierlei über die neue Produktion von Madame Bissegger gesagt.


Erstens: Das Team spielt für einmal nicht im Steigrüebli, sondern drinnen. «Halt Halle» heisst das Stück. Die Truppe präsentiert es dort, wo früher das Stahlunternehmen Acifer sein Lager hatte. Alte Industrielokale haben einen verlebten Charme, viel Ambiance und bieten diverse technische Möglichkeiten. Davon profitieren auch Bisseggers. Bei der ausgebuchten Premiere am Freitag erwies sich das Gebäude gleich neben dem Bahnhof Ostermundigen als ausgezeichneter Spielort.


Zweitens: Das rote Fluggerät samt Brummbrumm und Zweierbesatzung mit Sturzhelm weist darauf hin, dass das Stück von den optischen Gags und Überraschungen lebt. In ihren Unterlagen versprechen die Bisseggers Tief- und Lebenssinn. Ach was. Das ist bloss hochgeschraubtes Geschwurbel. Sie sind eine gute Klamauktruppe. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Handlung verwirrt

 

Da sind etwa die Putschautos, erst eins, dann zwei, dann drei und vier. Sie kurven über Berg und Tal. Bis auf eines. Es fährt mit Frauenpower, überholt die E-Machos. Wir erleben zudem ein Schaltpult, bei dem es funkt und zischt. Potz Blitz, das muss wohl Atomstrom sein. Wir staunen Bauklötze beim Haus, aus dem der erste Stock herauswächst. Wir freuen uns über die Bahnschranke, die zum Kran wird. Wir schmunzeln über den selbstfahrenden Zug. Wir beklatschen den Kinderwagen, aus dem heraus Bissegger-Gründer Thomas Scheidegger die Welt erklärt.


Ein kleiner Bahnhof samt Stationsgebäude und Barriere, eine Mühle, etwas Landschaft mit allerlei Beiwerk, das ergibt das Bühnenbild. Hier stranden vier Personen. Thomas Scheidegger, wieder mal als Ätti dabei, verkündet, dass das verlorene Seelen seien, irgendwie untot oder so. Ganz klar wird das nicht ersichtlich. Verwirrung stiftet zum Beispiel, dass eine der Festgefahrenen schwanger ist und im Laufe des Stücks ein Kind gebären wird. Bei Untoten ist das ein eher unwahrscheinlicher Vorgang.


Sind wir im Paradies? Vermutlich schon, schliesslich hüpfen die beiden Männer füdleblutt bis auf ein Feigenblatt herum. Wir fragen uns, ob der vegane Lendenschutz hält. Er hält. Weitere Fragen bleiben hingegen unbeantwortet: jene nach der Handlung etwa. Je länger, je weniger wissen wir, was jetzt gerade läuft, warum und wie.


Texte fallen durch

 

Dass der Handlungsfaden ein wirres Knäuel ist, verzeiht man. Wir sind nicht hier, um die Eleganz der Kausalität zu bewundern. Sondern um zu gucken. Und dies kann man bei «Halt Halle» immer wieder. Wenn die Teller schwirren zum Beispiel, wenn der Kunstnebel wabert, wenn aus dem Geräteschuppen heraus eine Riesenmaus (oder Ratte, Chüngel?) verblüfft.


Schade, jammerschade ist jedoch, dass die Dialoge einen Teil der Wirkung verblassen lassen. Die Regisseure, Thomas Scheidegger und Jann Messerli, arbeiten nicht mit einem Drehbuch. Das Ensemble entwickelt die Figuren, die Handlung und die Texte anhand des Bühnenbilds. Das Tohuwabohu nimmt man bei der Handlung in Kauf. Bei den Texten hingegen wirkt das Jekami allzu oft bloss flach und zufällig. Kurz: «Halt Halle» ist ein Augenschmaus. Aber leider ab und zu auch mal ein Ohrengraus.