12. Oktober 2021, seniorweb.ch

 

25 Stunden. Jetzt. Sofort.

Rentnerinnen und Rentner haben viel Zeit. Hä ja, Sie müssen nichts tun. Falsch, ganz falsch. Nein, ich meine nicht den Garten, die Enkel, den Hund. Sondern die Pflege des Körpers und des Geistes. Ich bin ein erprobter Rentner, seit zehn Jahren in diesem Job und bemerke, dass diese Pflichten immer grösser werden.

Wir beginnen frühmorgens mit dem Zähneputzen: Zahnseide, dann mit drei verschiedenen Bürstchen die Zahnlücken reinigen. Anschliessend summt die elektrische Zahnbürste, drei Minuten lang, sagt der Zahnarzt, nein fünf, berichtigt ihn die Dentalhygienikerin. Diese Prozedur am Morgen, am Mittag und nach dem Nachtessen beansprucht einschliesslich Logistik 60 Minuten.

Frühstücke wie ein König, speise mittags wie ein Bürger und iss abends wie ein Bettler. Schon gut. Aber noch viel wichtiger ist richtiges Kauen. Nur wer lange kaut, macht den Magen glücklich. Wenn das Brot, das Gemüse, das Fleisch und der Salat im Munde Zusatzrunden drehen, dauert das Essen länger, insgesamt erfordert die verdauungsfreundliche Nahrungsaufnahme gut und gerne 3 Stunden.

Jetzt erwacht der innere Physiotherapeut in mir. Mach deine Übungen, mahnt er unerbittlich. Hänu. Auf und nieder, links und rechts, hoch und tief. Das freut die Wirbelsäule, das stärkt den Rücken. Aber, wichtig: 30 Minuten müssen es schon sein.

 

Nun ists früher Nachmittag. Um diese Zeit macht der Biorhythmus schlapp. Dagegen hilft ein Power Nap. 20 Minuten Schäfchen zählen und schon sind wir wieder so fit wie ein Turnschuh. Wer zu faul ist, den bestraft das Leben. Darum joggen, hiken, biken. Doch wer sich nachher nicht genügend dehnt, den bestrafen allerdings die Gelenke. Freiluft-Fitness samt Stretching, Umkleiden und Duschen dauert 120 Minuten.

Verschwörungs-Deppen, Mittelalter-Taliban: Es sieht düster aus. Yoga hellt die Stimmung auf und vertreibt die dunklen Wolken. Die Chakren büschelt man allerdings nicht im Handumdrehen. Sondern in 45 Minuten. Bevor wir schlafen gehen, pflegen wir die Haut. Jawohl, auch wir Männer brauchen Körperlotions und Nachtcremen. Die 10 Minuten lohnen sich. Die Runzeln sagen Adiö, die Haut sagt Merci. Die Podologin empfiehlt ausserdem dem Nagelpilz vorzubeugen und die Fussnägel mit Weizenkeimöl einzumassieren, pro Nagel eine Minute lang, 10 Minuten also. Zusammengezählt verweile ich damit 20 Minuten im privaten Beauty-Salon.

Ist da noch was? Ja, Haare soll man nicht bloss kämmen, sondern 10 Minuten lang bürsten und damit die Kopfhaut massieren. Wenn man keine Haare hat erst recht, vielleicht spriessen sie dann wieder. Gegen altersbedingte Kurzsichtigkeit hilft Augentraining. Nach links, nach rechts, nach unten und oben gucken, 20 Minuten lang, und schon sieht die Zukunft wieder klarer aus. Trübes Licht und trübe Gedanken, das muss nicht sein. Atemtherapie hellt die graue Stimmung auf: Ein, aus, ein, aus, strömen lassen, nach 20 Minuten sind wir bessere Menschen.

 

Und nun die Rechnung bitte. Die tägliche Rundumpflege dauert nicht ganz 9 Stunden. Weil immer was Ausserordentliches dazukommt, ergänzen wir auf 10 Stunden. Berechnen wir weitere 8 Stunden für Schlaf, 2 Stunden für den Haushalt, 3 Stunden für Garten, Enkel, Hund und Gattin, kommen wir auf 23 Stunden. Austrainierte Rentner und Rentnerinnen haben also 1 freie Stunde.

Wie locker hatten wirs doch, als wir noch ins Büro durften.

seniorweb.ch, 22. Juni
 
Gestatten: Doktor honoris causa Graf von Falkenstein

Es geht uns doch allen gleich. Nun ja, fast allen. Ein bisschen mehr Anerkennung, etwas mehr Bling-Bling würde uns guttun. Zum Beispiel ein Adelstitel oder akademische Würden. Wir zeigen, wo es Glanz der besonderen Art zu kaufen gibt.

Das Internet hat Produkte und Dienstleistungen zu tage gebracht, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass es sie gibt. Dazu gehört der Erwerb von Titeln, Auszeichnungen und Bestätigungen. Vieles davon lässt sich in ein Quatsch-Rating einordnen, in eine nach unten oder oben offene Mumpitz-Skala. Manches ist reiner Nonsense, anderes schwieriger einzuordnen, ein Teil grenzt an Missbrauch oder Betrug.

Ziemlich weit oben in dieser Reihenfolge (oder unten, je nach Standpunkt) ist der Markt mit kirchlichen Titeln. Mit dabei ist das California Church & University Institut. Die Organisation mit dem wohlklingenden Namen vermittelt kirchliche Titel: Pastor, Bischof, Abt. Für 115 Franken erhält man eine Bestätigung, dass man nun ein kirchliches Amt hat. Ausser Geld braucht es keine weiteren Einsendungen. So was ist eindeutiger Schwachsinn und taugt nicht mal zum Missbrauch.

Eine Stufe höher ist der Blödsinn mit den Adelstiteln. In dieser Branche gibt es mehrere Portale, die mit klangvollen Prädikaten um sich werfen: Gräfin, Herzog, Baronin. Die Discount-Blaublüter erhalten eine reichlich geschmückte Urkunde mit allerlei Zierrat. Ich habe mich entschieden, Graf von Falkenstein zu werden. Noblesse oblige: Ich musste rund 30 Franken zahlen.

Die Anbieter wissen natürlich, dass sie nichts als lauwarme Luft verkaufen. Wenn die Käufer oder Käuferinnen bei Verstand sind, erkennen sie das ebenfalls. Trotzdem bemühen sich die Vermittler dem Deal einen passenden Anstrich zu geben. Da ist zum Beispiel von einem Maximilian Graf Heitzer von Leuchtenberg die Rede. Dieser Graf sei von der Prinzessin Angela von Hohenzollern und Queen Legaspi von Mindanao nobiliert worden. Dieser Edelmann ermögliche nun, Graf oder Gräfin von Lilienthal zu werden. Ein Feld-, Wald- und Wiesen-Adliger, der à gogo Grafentitel feilbietet, das ist sogar für uns Schweizer als Unsinn erkennbar.

Nun haben wir uns mit scheinheiligen kirchlichen Würden ausgestattet und die Bling-Bling-Welt des Instant-Adels kennengelernt. Wo aber können wir unserem Dasein intellektuelle Glanzlichter aufsetzen? Wir wissen Rat. Mehrere Anbieter wollen unser Leben mit akademischen Titeln bereichern und uns schwuppdiwupp zu Ehrendoktoren und -professoren befördern. Zusammengefasst: Sie verkaufen für wenig Geld den gleichen wertlosen Kram, den wir beim Kirchen-Mumpitz und Adelsschnickschnack kennengelernt haben.

Allerdings treffen wir hier auch auf eine Titelvermarktung mit höherem Anspruch  (und höherem Missbrauchsrisiko). Melinda und Eberhard Bräun vermitteln akademische Ehrentitel, Doktor oder Professor honoris causa. Eberhard Bräun hat das Unternehmen 2020 seiner Gattin Melinda übergeben. Seniorweb hat vor anderthalb Jahren über den bräunschen Titelhandel berichtet. Eberhard Bräun hat Seniorweb und den Autor daraufhin mit Beleidigungen eingedeckt, die nicht zu publizieren waren.

Seither ist der Internet-Auftritt noch kryptischer geworden. Der Grund für die diffusen Angaben ist wohl die Nähe zur Illegalität. Das aus Deutschland stammende Paar arbeitet seit Jahren in Kreuzlingen. In ihrer Heimat wäre ihr Tun verboten. In der Schweiz ist es  zwar erlaubt, aber milde gesagt angefeindet.

Für rund 30'000 Franken erhält man einen Ehrendoktortitel, ausgestellt von einer Universität in Kirgisien. Die Urkunden sind damit nicht so eindeutig als Quatsch einzuordnen. Das hat einen Basler Lokalpolitiker und früheren Grossrat dazu bewogen, den Titel offiziell und ohne den Zusatz „h.c.“ zu verwenden. Darauf angesprochen hat er dies als „Irrtum“ bezeichnet. Ähnlich reagiert hat der umstrittene Genfer Immobilieninvestor Jürg Stäubli. 

Die beiden Fälle führen zur Frage, was solche Titel und Würden in der Praxis bedeuten. In der Schweiz ist es erlaubt, Ehrendoktor-Titel nicht nur zu vermitteln, sondern auch zu führen. Gemäss dem Eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung ist in amtlichen Dokumenten der Zusatz „h.c.“  anzugeben. In Bewerbungsschreiben, Lebensläufen und so weiter muss allerdings die Herkunft der Auszeichnung erwähnt werden. Deutschland ist strenger: Gekaufte Ehrendoktor-Titel dürfen nicht getragen werden.

Ähnlich wie Künstlernamen dürfen Neo-Adlige ihren Titel zum Aufpeppen führen. Ich kann im Restaurant einen Tisch für Graf von Falkenstein reservieren. Ich dürfte auch diesen Text so unterzeichnen. Bekäme ich ein Honorar dafür, würde das Geld allerdings auf ein bloss bürgerlich beschriftetes  Bankkonto fliessen, Peter Steiger, Bern. Das Exempel ist jedoch hypothetisch: Bei Seniorweb arbeiten die Redaktionsmitglieder unbezahlt.

Zum Schluss habe ich aus einer verwandten Branche noch einen Freudenspender - oder eine Ärgerquelle, je nachdem. Über eine Website, die wir hier lieber nicht nennen wollen, kann man ärztliche Atteste herunterladen. Formular ausfüllen, einsenden, 12 Franken überweisen, fertig. Ach ja, das Papier wirklich zu verwenden ist strafbar.

Adel verpflichtet: Für diese Urkunde (Ausschnitt) musste Count Peter 30 Franken bezahlen. 

 

Wer einen Bling-Bling-Adelstitel erwirbt, erhält ein solches Wappen zugewiesen. 

Ärztliches Zeugnis zum Herunterladen.