seniorweb.ch, 9. Mai 2020


Die rosarote Brille schützt vor Prügel

Das ist der Schluss der fünfteiligen Serie von Peter Steiger über ein halbes Jahrhundert Journalismus: Viel Arbeit, wenig Verdienst, viel Kritik. Und dennoch der schönste Job.

Viel Büez: Journalistinnen und Journalisten sind wohl die einzigen Arbeitnehmer, die sich gegen Arbeitszeitbeschränkungen wehren. Die Gewerkschaft Syndicom lancierte vor einigen Jahren einen Vorstoss um die Wochenstunden zu reglementieren und die Überzeit zu entschädigen. Die Anstrengungen verliefen im Sande. Die Mitglieder zeigten keinen Kampfgeist. Hinter dem Desinteresse steht auch Überheblichkeit. „Was wir tun, ist derart wichtig, dass man es nicht reglementieren darf.“

Wenig Verdienst. Journalismus ist einer der wenigen Berufe, die man ohne eine geregelte Ausbildung ausüben kann. Es gibt zwar Kurse und Lehrgänge, auch universitäre. Aber ein Abschluss ist nicht zwingend. Gerne vertauschen Lehrerinnen und Lehrer das Schulzimmer mit dem Grossraumbüro. Womit wir beim Verdienst sind. Er entspricht etwa dem, was Pädagogen erhalten – bernische, und die sind am unteren Rand der Schweizer Lehrerskala.

Untergegangene Zeitungen: Neue Zürcher Nachrichten NZN erschien bis 1991; Volksstimme (Wallis) bis 1961; Berner Landeszeitung bis 1922. Quelle: Schweizerische Nationalbibliothek

Viel Kritik. Wenn du lobst, bist du nach Ansicht des Gelobten ein profunder Sachkenner. Wenn du kritisierst, bist du in den Augen des Kritisierten ein unfähiger Ignorant. So einfach ist. das. Und weil sich auch Journalisten lieber streicheln als prügeln lassen, setzt man im Zweifelsfall lieber eine rosarote Brille auf. Allerdings, und das muss jetzt unter uns bleiben: Als Theaterkritiker einen währschaften Verriss zu schreiben, macht schon auch Spass.

Trotzdem. Viel Arbeit, wenig Lohn, viel Kritik – und dennoch der schönste Job. Ich habe in verschiedenen Branchen gearbeitet. Im News-Gewerbe war es am besten. Flache Hierarchien, viel Freiheit, man sieht am nächsten Morgen, was man geleistet hat. Zwar ist nichts so alt wie die Zeitung von gestern. Aber: Man hat ein kleines bisschen an einem jener ganz kleinen Rädchen mitgedreht, die die Welt bewegen. Naja: Der Bericht über das breitere Trottoir in Hintertupfligen ist schon ein sehr sehr kleines Rädchen.

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