seniorweb.ch, 26. Oktober 2020
 
Der endgültige Abschied vom Lenkrad

Friede, Freude, ÖV: So lässt sich unsere Umfrage zum altersbedingten Autoverzicht zusammenfassen. Das ist allerdings höchstens die halbe Wahrheit. Beteiligt haben sich wohl nur die Vor- und Einsichtigen.

„Mir fiel der Entscheid leicht.“ – „Ich fühle mich nun sicherer.“ – „Der Entschluss war richtig.“ So können wir die Seniorweb-Umfrage zum Autoverzicht überschreiben. Im August baten wir Leserinnen und Leser, uns mitzuteilen, wie sie diesen Schritt erlebt haben oder wie sie ihm entgegenblicken. Ein gutes Dutzend Männer und Frauen antworteten.

Alle, fast alle, beurteilten ihren Verzicht positiv. Diese Stellungnahmen verdienen es, publiziert zu werden. Sie sprengen allerdings den Rahmen des vorliegenden Beitrags. Seniorweb veröffentlicht sie zu einem späteren Zeitpunkt.

Skeptisch war bloss einer: Robert Svoboda aus Wettingen. Sein Interview am Schluss dieses Artikels liest sich als gut begründeter Einspruch gegen das abgeklärte Stimmungsbild. Wir zweifeln nicht an der Aufrichtigkeit jener, die nun guten Mutes ohne Auto unterwegs sind. Doch: Es haben sich wohl nur die Vor- und Einsichtigen und wenig Betroffenen gemeldet. Automobilisten, denen die Behörden das Billett entzogen haben, weil sie einen Unfall verursachten oder durch die Kontrollen rasselten, wollten offenbar nicht von ihrem Unglück berichten.

Nicht bloss Blech mit vier Rädern

Unsere Teilnehmer haben sich ohne Tränen vom Lenkrad verabschiedet. Ein bisschen Melancholie schleicht sich trotzdem ein.
Das Auto ist ja nicht bloss Blech mit vier Rädern. Es verursacht emotionale Leiden und Freuden. Stellvertretend dafür stehen die Aussagen von Hans-Rudolf Winkelmann aus Zürich. „Ich habe aus Umweltgründen schon vor fast zehn Jahren auf das Auto verzichtet und jetzt auch den Ausweis abgegeben", sagt er. Zugegeben traure er ein bisschen den schönen Reisen mit dem Wohnwagen nach. Überdies habe er immer noch Freude an schönen Autos,  von der „göttlichen“ DS bis zum Austin Healey. "Ich gebe auch zu, dass es jetzt schon ein bisschen ein komisches Gefühl ist, ein schönes, allenfalls noch altes Auto zu sehen und zu wissen, dass ich es nicht einmal fahren dürfte. Aber der Verlust hält sich in Grenzen“, so Winkelmann. Viel schmerzlicher sei für ihn, dass er altersbedingt nach 40 Jahren mit Hunden vernünftigerweise keinen weiteren „Boxer" mehr haben könne.

Fingerspitzengefühl fehlt

Das letzte Mal den Zündschlüssel rausgedreht und dann Friede, Freude, ÖV. Einige Umfrageteilnehmer kritisieren allerdings die kantonalen Strassenverkehrsämter. Diese Behörden sind verantwortlich für den administrativen Ablauf, sowohl bei einem freiwilligen Verzicht, wie auch bei einem Entzug. Den Mitarbeitern fehle es an Fingerspitzengefühl, beanstanden Betroffene. Der Abschied vom Auto sei für die meisten ein stark emotionales Erlebnis. Die Ämter würden diese Menschen mit kalten juristischen Verlautbarungen abspeisen. Ausserdem mokieren Betroffene, dass sowohl die Abgabe aus Gesundheitsgründen wie auch als Strafe gleich und von den gleichen Angestellten behandelt würden. Unbescholtene Seniorinnen und Senioren landen im selben Topf wie Verkehrsrowdys.

Beanstandet wird der Beamtenton. Geschätzt wird hingegen der 100-Franken-Gutschein fürs Generalabonnement. Allerdings mit Einschränkungen: Den Bonus erhält nur, wer ein neues GA löst. Jene, die bereits ein Abo haben, ärgern sich, dass sie leer ausgehen.

Stürmi und Rabauken als Kunden

Die Vorwürfe an die Behörden beantwortet Carlo Gsell. Er ist Präsident der Kommission für Administrativmassnahmen der Vereinigung der Strassenverkehrsämter. Die Ermässigung für GA-Neueinsteiger sei eine Promo-Aktion der SBB. Die Ämter würden die Gutscheine nur weitergeben.  Die Kritik an der schnöden Paragraphensprache kontert er mit dem Hinweis, dass die Mitarbeitenden wüssten, dass der Abschied vom Auto oft belastend sei. Sie würden dies berücksichtigen. Wenn dies nicht immer gelinge, sei häufig die Arbeitsbelastung schuld. „Vielerorts ist der Autoverzicht ein Massengeschäft“, so Gsell. Überdies seien längst nicht alle Seniorinnen und Senioren an einer „speziell einfühlsamen Behandlung“ interessiert. Und: „Die Mitarbeitenden haben es nicht nur mit einsichtigen, verantwortungsbewussten Senioren zu tun.“

Ein Entzug würde mich schwer treffen“

Übersetzt heisst dies, dass die Ämter sich auch mit Schtürmi und Rabauken herumschlagen müssen. Ganz sicher gehört Robert Svoboda nicht zu dieser Gruppe. Er kritisiert mit plausiblen Gründen die Schweizer Praxis. Der 78-jährige Ingenieur aus Wettingen bestand vor kurzem die Kontrolle und muss übernächstes Jahr wieder antreten. Er blickt zuversichtlich, aber auch besorgt in die Zukunft.

Herr Svoboda mit welchen Ahnungen treten Sie zur Prüfung an?
Ich bin voll reaktionsfähig und optimistisch. Aber niemand weiss, ob sich sein Zustand verschlechtert. Ein Entzug würde mich schwer treffen. Ich müsste mit meinem bisherigen Leben abschliessen und würde in den Augen vieler ein unnützer Altersschmarotzer, der zum Beispiel die ÖV-Pendler behindert.

Aufgrund der Seniorweb-Umfrage haben sich nur Leute gemeldet, die mit dem Verzicht gut klarkommen. Sind Sie eine Ausnahme?
Nein, ich habe erlebt, wie der Entzug aus lebensstarken und aktiven Menschen verbitterte Alte gemacht hat. Hier helfen kein Psychocoaching oder Aufruf zum neuen Leben. Es sind hochintelligente weltgewandte Leute, die schon viele Änderungen gemeistert haben. Möglicherweise wollen Leute, die Mühe mit dem Verbot haben nicht an die Öffentlichkeit gehen weil sie sich schämen.

Betroffene, die sich schwertun mit dem Verzicht können doch zu ihrem Hausarzt gehen. Viele stellen ein Gefälligkeitsattest aus.
Ich habe das Gegenteil erfahren. Bei der ersten Kontrolle mit 70 wurde ich regelrecht schikaniert. Zudem ist der Test teilweise beleidigend. So musste ich als immer noch aktiver Consulting Engineer ein Uhrenzifferblatt und darin eine vorgegebene Zeit  zeichnen. Manche Allgemeinpraktiker sind auch überfordert. Ein Augenarzt kann zum Beispiel die Sehkraft besser beurteilen.

Sie bezweifeln die Aussagekraft ärztlicher Atteste?
Ich erkenne zwar, dass die Ärzte Verantwortung und Risiko übernehmen. Für viele sind die Untersuchungen aber Geldmacherei.

Wäre statt des Medi-Checks das Urteil einer Fahrschule bedeutungsvoller?
Möglicherweise. Allerdings sollte der Anreiz fehlen, dass die Schule mich erstmals durch die Prüfung rasseln lässt um ein zweites Mal an mir zu verdienen.

Die Medien beachten zwei Gruppen von Autofahrern besonders aufmerksam: die jungen Ausländer und die alten Einheimischen.
Selbst wenn eine 85-Jährige nur ein Büsi anfährt, ist das eine Meldung wert. Und wenn einem Senior nach einem Routine-Vorfall der Fahrausweis entzogen wird, heben die Medien hervor, dass ein Rentner beteiligt war. Die Presse vertieft damit die Kluft zwischen alt und jung und erhöht den Druck auf die Betagten, endlich abzutreten.

Die Ex-Fahrerinnen sollen sich doch ein GA oder Taxis leisten.
Der öffentliche Verkehr ist für viele Senioren zu belastend – und wenn Rentner zu Stosszeiten den ÖV benutzen ernten sie böse Blicke.

Ein Fahrausweisentzug  belastet alle – Junge und Alte.
Nur den Senioren wird das Billett dauerhaft entzogen. Und vor allem für die Älteren ist der Entzug besonders schwerwiegend. Oft verunmöglicht er einen selbständigen Alltag, er behindert die Einkäufe, kappt die sozialen Kontakte unter anderem mit der Familie. Sehnsuchtsvoll schauen die ehemaligen Automobilisten den greisen deutschen und österreichischen Fahrern nach. In deren Heimat gibt es keine Prüfungen.

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