seniorweb.ch, 10. Februar 2020

„Nimm den Doppelmord oder anderen Stehsatz“

Seit mehr als einem halben Jahrhundert arbeitet Seniorweb-Redaktor Peter Steiger für Zeitungen. Zu Beginn dieser Serie berichtet er, weshalb er in den Sechzigern als Stift den Chefredaktor ersetzte und wie er in den Siebzigern die Geisterstunde erlebte.

Am Donnerstag lahmte Werner Wollenberger

In den später Sechzigerjahren geschahs. Ich war Schriftsetzerstift im vierten Lehrjahr. Schriftsetzer hatte ich gewählt, weils irgendwie intellektuell klang, weil Schriftsteller und Schriftsetzer ähnlich tönte und in der Familie kein Geld fürs Gymi war. Eben: viertes Lehrjahr in der Druckerei, welche die Zürcher Woche herstellte. Die Zeitung galt als linksliberal, „nonkonformistisch“,nannte man das damals. Die Redaktion war gut besetzt, Frank A. Meyer war dabei, der später beim „Blick“ erfolgreich war. Chefredaktor war der Kabarettist und Autor Werner Wollenberger.

Wolli, Dauerzigarette im Mund, Gauloise jaune, filterlos, war ein guter, bissiger Journalist. Bloss: Am Donnerstag, kurz vor dem Erscheinungstermin am Freitag, lahmte sein Engagement und wuchs sein Drang, in den Spunten des Niederdörflis wichtigeres zu erledigen. Die „Letzte“ mit Vermischtem, Krims und Krams gab wenig Ruhm her. So kams halt, dass der Stift den Auftrag erhielt, das Schlussfeuerwerk der wichtigen Oppositionszeitung zu zünden. „Nimm den Doppelmord“, empfahl Wolli bevor er verschwand, „oder sonstwas aus dem Stehsatz.“

Geisterstunde auf der Redaktion

In den Siebzigern hatte ich, nun als Journalist, oft Abend- und Abschlussredaktion. Das waren  Einsteigerjobs. Ich kam kaum zum Schreiben, musste bloss korrigieren und aufpassen, dass alles zur  rechten Zeit hereinkam. Dabei hatte ich viel Verantwortung und musste, wenns zu später Stunde brenzlig wurde, entscheiden, was zu tun ist.

So ab elf Uhr bis zum Andruck nach Mitternacht, war ich allein auf der Redaktion und musste die Zeitung hüten. Gelegentlich wurde ich zur multifunktionalen Ansprechstation: Polizei, dargebotene Hand, Klagemauer. Notfallangebote auch für psychische Probleme gabs noch kaum. So mischte sich Skurriles mit Tragischem. „Bei uns steht ein Sofa auf dem Trottoir. Da sollten Sie doch was drüber schreiben.“ Nein, wollte ich nicht. – „Meine Schwester plagt mich.“ Der Jungjournalist verwies auf die Eltern. – „Sie, im Restaurant Sternen kostet das Poulet im Chörbli sechs Franken fünfzig. Das ist doch viel zu viel.“ Der Ad-hoc-Wirtschaftsredaktor riet, das Lokal zu wechseln. Tönt alles lustig, war es auch. Doch da riefen hin und wieder auch Verzweifelte an, sehr Verzweifelte. Der überforderte Jungspund hoffte, dass die Dargebotene Hand helfen – und er trotzdem schlafen konnte.

Die Technik: Blei und die erste Elektronik

Am ersten Tag der Lehre schickten die Setzer den Stift, das Bleimagnet zu holen. Er kam ohne zurück – dafür mit roten Ohren. Blei ist nicht magnetisch. Die Typografen vergnügten sich, den Berufseinsteiger ratlos durch die Druckerei zu jagen, von der Spedition bis zum Fräulein vom Empfang.

Blei hingegen gab es schon. Bis in die Mitte der Siebzigerjahre ratterten in den Sälen die Zeilengussmaschinen. Die Lochstreifen hatten schon Einzug gehalten. Angelernte Tasterinnen übertrugen die Schreibmaschinen-Manuskripte der Journalisten auf schmale Papierbänder, welche die Maschinen steuerten. Diese gossen aus Matrizen ganze Zeilen. Der Metteur baute sie zu Seiten zusammen und fügte die von der Klischeeanstalt gelieferten Bilder ein. Ab der zweiten Hälfte der Siebziger verdrängte der Fotosatz die Gusstechnik, die hundert Jahre lang praktisch unverändert dominiert hatte.

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